Recherchetagebuch

In dieser Kategorie erfahren Sie Interessantes rund um meine Tätigkeit als Journalist. Ich schreibe über das, was mich bei Recherchen berührt, was in Beiträgen unveröffentlicht bleibt und gebe weiterführende Tipps.

 

Mehr als nur Schweine und Kühe

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Landwirtschaft ist ein nahezu unerschöpfliches Thema

Ich erinnere mich immer wieder gerne an meine Uroma: Ab und zu fuhren wir mit ihr sonntagsnachmittags mit dem Auto übers Land. Grüne Wiesen, nette Häuser, all das interessierte meine Uroma überhaupt nicht. Sie erfreute sich insbesondere an fetten Schweinen. Erblickte sie welche, musste mein Onkel oder mein Papa – je nachdem wer am Steuer saß – in die Eisen gehen. Minutenlang schaute meine Uroma den fetten Scheinen zu, wie sie am Fressen waren oder sich einfach nur im Modder suhlten.
Dieses Bild aus meiner Kindheit hat sich bis heute in meinen Erinnerungen eingebrannt. Und in der jüngsten Vergangenheit hat es unverhofft wieder an Aktualität gewonnen. Denn ich habe festgestellt, wie bunt und vielfältig Lokaljournalismus nicht nur in der Stadt, sondern gerade auf dem platten Land ist. Was macht ein Bauer eigentlich? Wie erwirtschaftet er sein Einkommen? Was gehört dazu, eine gute Ernte einzubringen? Diese und viele andere Themen liegen geradezu auf der Straße respektive auf dem Feld. Leider sind uns – und das ist durchaus ein Stück Selbstkritik – diese Grundlagen des Lokalen verlorengegangen. Logisch, solche Dinge wie den Landfunk oder den Abdruck von Futtermittelpreisen gibt es nicht mehr.
Der erste Schritt, solche Themen wieder ins Lokale zu heben, ist die Aufnahme in die Presseverteiler der Landwirtschaftskammern. Ein guter Kontakt zu den Landvolk-Verbänden zahlt sich auch aus. Okay, es sind eher die konservativen Vertreter der Bauern. Aber wie gesagt: Es ist der erste Schritt. Weiter gehören dazu die Vertreter der alternativen Erzeuger, der Industrie und noch einige mehr. Nicht zu vergessen bitte das Bundeslandwirtschaftsministerium, die EU-Kommission, das EU-Parlament und andere Institutionen. Sie alle liefern unendlich viel Stoff, der Grundlage für interessante Themen sein kann. Wie gesagt: Mehr als nur Schweine und Kühe.

••Freitag•, den 27. •Februar• 2015 um 16:12 Uhr•
 

Kleine Welt im (Nord-) Osten

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Das Baltikum lohnt sich zu erkunden

Litauen, Lettland, Estland: Die drei Staaten haben wir kaum im Blick. Nur manchmal, wenn es heißt, die Russen hätten den estnischen Luftraum verletzt, atmen wir – vielleicht – kurz auf. Dabei sind die drei kleinen Staaten im Nordosten der Europäischen Union es wert entdeckt zu werden. So wie ich es Mitte Oktober tat. Urlaub in Riga und Tallinn, den beiden Hauptstädten Lettlands und Estlands, ist wirklich etwas anderes. Wer sich dort beziehungsweise in den Ländern aufhält, kommt mit vielen Eindrücken zurück.
So ist es mir ergangen, ich habe den Eindruck, dass insbesondere Estland so etwas wie der kommende Tigerstaat innerhalb der Europäischen Union sein wird. Dieses ist übrigens keine in diesem Moment belegte Aussage, aber der Eindruck drängt sich demjenigen auf, der das Land mit einigermaßen offenen Augen erkundet. Estland, das wird angesichts der Menschen, die in Finnland arbeiten deutlich, profitiert von seiner Lage kaum 80 Kilometer entfernt von Helsinki, der finnischen Hauptstadt.
Riga und Lettland hingegen sind im Vorteil, weil sie in der Mitte der baltischen Staaten liegen. Riga ist dabei nicht nur das kulturelle, wirtschaftliche und politische Zentrum Lettlands, sondern hat durchaus eine Sogwirkung auf die ganze Region. Riga, so mein Eindruck, stellt selbst das berühmte Vilnius in den Schatten. So weit, so gut. Riga indes hat ein Problem, und das ist der hohe Anteil der russisch-stämmigen Bevölkerung. Diese Menschen haben sich in den vergangenen 25 Jahren – notgedrungen – so etwas wie eine Parallelwelt aufgebaut. Es gibt in Riga russische banken, russisches Theater und so weiter. Dieses ist ein Problem, das es in den kommenden Jahren ganz schnell zu lösen gilt. Finde ich.

••Sonntag•, den 02. •November• 2014 um 17:27 Uhr•
 

Das Unerwartete

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25 Jahre Mauerfall – zwei Geschichten

"Das gilt – wenn ich mich nicht irre – sofort!" Günter Schabowski, zuständig für Informationspolitik im SED-Zentralkomitee, sorgte mit diesen eher belanglosen Worten für eine erdrutschartige Bewegung in der Weltgeschichte: Nach 28 Jahren fiel die Berliner Mauer, die Grenzen zwischen der damaligen Bundesrepublik und der DDR öffneten sich. Und kaum neun Monate später war der Arbeiter- und Bauernstaat Geschichte. 25 Jahre ist es in diesem Herbst schon her, eine ganze Generation also.
Ich habe mich in den vergangenen Tagen für den WESER KURIER beziehungsweise DIE NORDDETSCHE und die ROTENBURGER KREISZEITUNG mit diesem Thema auseinandergesetzt: Ich habe Menschen getroffen, die einst in der DDR aufwuchsen und aus beruflichen oder ganz privaten Gründen in den Westen "rübermachten", wie es im Osten einst hieß. Es sind Menschen, die es bewusst wollten und deren Biografie natürlich eng mit der Geschichte verbunden ist. Mit allem Positiven und allen Brüchen.
Der Mauerfall hat auch für mich ganz persönliche Züge, an die ich in diesen Tagen stets denken muss, wenn die Sprache beziehungsweise das Thema darauf kommt: Lange konnte ich mich nicht damit anfreunden, dass die DDR und die alte Bundesrepublik wieder ein Staat werden sollten. Ich erinnere mich an eine nächtliche Fahrt auf der Autobahn, bei der ich im Radio die Berichte aus Berlin hörte. "Nein, dass ist nicht mehr mein Land", dachte ich bei mir. Doch der Gang der geschichte erfasste mich natürlich irgendwann – spätestens zu dem Zeitpunkt, als wir vom DRK-Katastrophenschutz aus dazu verdonnert wurden, jeweils eine Rufbereitschaft zu stellen, um ganz schnell ein neues Übergangswohnheim für Menschen aus dem Osten aufzubauen. Diese Geschichten lassen sich noch endlos weiter erzählen.
Aus gegebenem Anlass habe ich auf meinen Seiten bei Facebook und Tumblr eine kleine Bildergalerie eingestellt.

••Mittwoch•, den 01. •Oktober• 2014 um 16:46 Uhr•
   

Ein Stück eigener Geschichte

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Wie ich mir den Bunker "Valentin" erschließe

"Du sollst Dich nicht mit einer Sache gemein machen – auch nicht mit einer guten!" Hanns Joachim Friedrichs, einer der großen Männer des deutschen Nachkriegsjournalismus, prägte einst diesen Satz, der für viele Menschen unseres Berufsstandes nach wie vor gilt – auch für mich. Meistens! Aber wir Journalisten sind natürlich auch nur Menschen und uns berühren viele Themen, mit denen wir uns befassen müssen. Sich mit einer (guten) Sache gemein zu machen, kommt dabei im Lokalen viel häufiger vor als in der sprichwwörtlichen großen Politik.
Oder anders ausgedrückt: Wir Lokaljournalisten sind an vielen Themen emotional ganz nahe dran, weil sie ein Teil unserer eigenen Biografie sind. So geht es mir mit einem der größten Bauwerke, die uns der Nationalsozialismus hinterlassen hat. Ich spreche beziehungsweise schreibe über den U-Boot-Bunker "Valentin" im Bremer Ortsteil Farge-Rekum. Für den WESER-KURIER und die Mediengruppe Kreiszeitung habe ich mich wieder einmal mit ihm befasst, weil in der Hansestadt die dritte bundesweite Gedenkstättentagung stattfand, zu der die Landeszentrale für politische Bildung eingeladen hatte.
Nach der eher theoretischen Eröffnungsrunde am Abend des 25. September stand am gestrigen 27. September ein Rundgang durch das Gelände auf dem Programm, das bis Ende kommenden Jahre zu einem Denkort werden soll – Gedenkstätte 2.0 eben. Zwei Stunden lang berichtet Marcus Meyer seinen Kollegen aus der ganzen Republik über das Konzept und führt sie an die Orte innerhalb des Geländes, die ihnen vielfach die Sprache verschlagen. Auch ich bin immer wieder beeindruckt vom Bunker und seinem Umfeld.
"Ich sehe schon, Sie stecken in der Materie tief drin", sagt der Leiter der Bremer Landeeszentrale, Dr. Thomas Köcher, am Ende des Treffens zu mir. Dies ist mir an diesem Tag extrem bewusst geworden, denn der Bunker "Valentin" ist so etwas wie ein Stück meiner Biografie: Als Kind spielte ich dort mit meinem Cousin. Uns zog es meistens dorthin, wenn es dämmerte. Oft standen wir auf dem Deich an der Stelle, wo die U-Boote einmal ausgeddockt werden sollten. Wenn wir dort hinein riefen, hallte es vielfach zurück. Diese morbide Stimmung machte mir Angst und ich wollte immer schnell zurück.
Später, ab den 1990er Jahren, wurde der Bunker immer wieder Thema für mich als Lokaljournalist. Allzu gut erinnere ich mich noch heute an die schräge Idee des Beirats Blumenthal beziehungsweise seines damaligen Sprechers Heinrich Blecher, auf dem Dach des Betonklotzes ein Café zu bauen. Begründung damals: So könne der Bunker ein touristischer Anziehungspunkt für die Region werden. Der Aufschrei war groß, die Blumenthaler mussten sich das gefallen lassen, was heute Shitstorm heißt.
In den Jahren darauf waren es meistens Treffen ehemaliger Häftlinge, die "Valentin" hochziehen mussten – ein oftmals gleichartiges Ritual, zu dem immer auch Gespräche mit jungen Leuten gehörten. Richtig an Dynamik hat das Thema für mich gewonnen, seit klar ist, dass dieser Platz in Farge zu einem Denkort, einer Gedenkstätte moderner Art, werden soll. Dieses Projekt ist mehr als das, was dort sonst stattfand: Jugendliche legen im Rahmen internationaler Workcamps Ruinen frei, machen sich Gedanken über Teilkonzepte und vieles mehr.
Ich profitiere von jedem Pressetermin von dem freigelegten Wissen, das wird mir mehr und mehr bewusst. In der Rückschau wird mir bewusst, dass ich mir diesen Ort, der so viel Leid über die Menschen gebracht hat, Stück für Stück für mich selbst erschließe.

•Zuletzt aktualisiert am ••Donnerstag•, den 06. •November• 2014 um 09:54 Uhr•• ••Sonntag•, den 28. •September• 2014 um 16:24 Uhr•
 

"Röööling höööme"

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Über eine Schiffstaufe mit grausam klingenden Seemannsliedern, einem deplatzierten Chor und zu kurzem Mikrofonkabel

Es sollte einer dieser netten Pressetermine sein an diesem 19. September. Der Anlass war entsprechend: Die "Bremen", der erste Versuchskreuzer der Seenotretter, hat seinen Namen zurückbekommen. Ein bisschen Vorfreude war entsprechend dabei. Doch die gute Stimmung war schnell vorüber, als ich von der Marina im Überseehafen eines dieser unsäglichen Seemannslieder herüberschallen hörte. "Okay", sagte ich mir, "das erträgst du auch noch." Wer so viel mit Maritimem zu tun hat wie ein Lokaljournalist an der Küste, der wird irgendwann schmerzfrei.
Allerdings schlug diese Variante nie dagewesener Seemannsromatik dem Fass den Boden aus. Die Organisatoren hatten es tatsächlich gewagt, einen Shantychor aus dem Vogtland in die Überseestadt zu karren. Wenn dann solche Kracher wie "Rolling Home" erklingen, bekommt, der Witz über die sächsische Zugansage eine ganz neue Bedeutung. Es klingt etwa so: "Rööling hööme! Röölimg hööme! Rööling hööme aacross se sea!" Und wer sich das Ganze auch noch anhören muss, indem er genau neben dem Chor steht, hat verloren. Das macht schlechte Laune und Magenschmerzen.
Teil zwei: Der Chor steht so, dass niemand zum Schiff kommt, weil die Sänger den Zugang versperren. Also staut es sich logischerweise, bies der Chor seinen Angriff auf Gehörgang und musikalisches empfinden unterbricht. Scheinbar ficht es die Akteure zudem nicht an, dass diverse Besucher davon ziemlich genervt sind. Immerhin gelingt es einigen Leuten, anschließend zur "Bremen" durchzukommen.
Der Höhepunkt: Jetzt steht der Akt der Rücktaufe an. Taufpatin Stefanie Meier steht bereit, sie möchte gerne etwas sagen, doch ohne Mikrofon geht so etwas natürlich nicht. Also versuchen einige Leute, eines vom Anleger hinüber zu reichen – mit allerhand akronatischen Einlagen über Geländer hinweg und an Zäunen vorbei. Aber es will nicht langen. "Wir brauchen noch vier Meter", ruft Kai Steffen, der Mann der hinter dem Projekt "Bremen" steht, zum Steg hinüber. Einige Zuschauer fangen angesichts mächtig an zu lachen, neben mir bezeichnen zwei junge Männer die Organisatoren des kleinen Taufaktes als "Amateure", einige Meter weiter benutzen Beobachter des Schauspiel weniger schmeichelhafte Worte. Das Ende vom Lied: Stefanie Meier musste den Spruch "Ich taufe Dich auf den Namen 'Bremen' und wünsche Dir immer eine handbreit Wasser unter dem Kiel" über das kleine Bordmegafon aufsagen.
Kurzum: Ein schönes maritimes Ereignis ist durch stümperhafte Organisation kaputt gemacht worden.

•Zuletzt aktualisiert am ••Sonntag•, den 21. •September• 2014 um 16:14 Uhr•• ••Sonntag•, den 21. •September• 2014 um 15:28 Uhr•
   

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