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Das Labor

An der zerstörten Haupt- und Stadtkirche findet seit elf Jahren ein kleiner Weihnachtsmarkt statt. Fotos: Buschmann

Guben: Im deutsch-polnischen Grenzland gibt es immer eine Mischung aus Kommunal-, Landes- und Europapolitik

Guben – diese Stadt gleich an der polnischen Grenze kenne ich vor allem aus den 1990er-Jahren. Als Durchsage im Verkehrsfunk: „Und dann noch Guben. Beim Grenzübertritt nach Polen gibt es zurzeit mindestens zwei Stunden Wartezeit.“ Immerhin: Ich als in der alten Bundesrepublik sozialisierter Mensch hatte wenigstens schon einmal von diesem Ort gehört.

Nun also führt mich meine Recherche- und Reportagereise in die Niederlausitz; beziehungsweise hierher, denn ich bin längst da und erkunde für mehrere Auftraggeber das Leben der Menschen hier im Grenzland. Mein Fazit nach dem ersten Tag: Der Alltag ist anders. Sich diesseits und jenseits der Grenze zu bewegen, das ist Realität. Im Grunde genommen ist die Grenze längst verschwunden.

Eine stinknormale Stadt in Brandenburg

Guben ist auf den ersten Blick eine Stadt im Bundesland Brandenburg, die auch mehr als eine Generation nach dem Beitritt der einstigen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen hat. Guben hatte vor der DDR-Wende rund 38.000 Einwohner. Heute sind es noch etwas mehr als 17.000. Mehr als 10.000 Arbeitsplätze gingen verloren, als die großen Industriekombinate zusammenbrachen, weil die früheren Absatzmärkte in den Staaten des Ostblocks zusammengebrochen waren.

Hinzu kam, dass Guben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seines Hinterlandes beraubt wurde. Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion hatten Europa und die Einflusssphären neu aufgeteilt. Polen wurde nach Westen verschoben – das östliche Brandenburg, Pommern und Schlesien gehörten nun zu Polen, das durch die Abtretung seiner östlichen Gebiete an die Sowjetunion nach Westen verschoben wurde. Die neue Grenze verlief entlang der Oder und der Lausitzer Neiße. Guben erging es wie Frankfurt (Oder): Die östlichen Teile der Stadt gehören seit 1945 zu Polen und heißen Gubin beziehungsweise Slubice.

Das Zentrum verloren

Guben traf es besonders heftig, weil die Stadt nicht nur seinen östlichen Teil verlor. Das jetzt polnische Gubin war das eigentliche Guben. Jenseits der großen Neißebrücke befanden sich das Zentrum mit der im April 1945 vollständig zerstörten Stadt- und Hauptkirche und dem Rathaus. Das heutige Guben war – historisch gesehen – die sogenannte Klostervorstadt. Meine über 80 Jahre alte Pensionswirtin sagt es so: „Wir mussten uns ja was ganz Neues schaffen.“ Auch ein neues Stadtzentrum musste nach 1945 her.

Diese politische, wirtschaftliche, soziale und geografische Amputation an Haupt und Gliedern entpuppt sich heute als große Chance für die Stadt, wenn nicht gar als Segen. Aber das mag vielleicht etwas zu hoch gegriffen sein. Denn: Polen gehört wie Deutschland seit dem Jahr 2004 zum Schengenraum. Damit entfallen im Prinzip die Kontrollen an den Binnengrenzen. Welche ein Segen diese Errungenschaft der europäischen Einigung ist, habe ich bereits mehrfach erlebt: zwischen den Niederlanden und Deutschland, auf dem Weg nach Belgien und Frankreich und bei meinen Reisen durch das Baltikum.

Günter Quiel kennt die Probleme diesseits und jenseits der Grenze.

Der Schengenraum als Segen

Aber auch bei meinen Besuchen in Danzig. Aber so hautnah wie hier in Guben durfte ich es bislang noch nicht erleben. Menschen kommen von Gubin herüber nach Guben und umgekehrt. Polen kaufen im Neiße-Center bei Rewe oder Rossmann ein, Deutsche erledigen ihre Besorgungen auf der jenseitigen Seite des Flusses in Gubin.

Was mich gerade am Sonnabend vor dem 3. Advent berührt hat, war der kleine Weihnachtsmarkt an der Ruine der Stadt- und Hauptkirche. Zu ihm lädt der Förderverein zum Wiederaufbau des Gotteshauses ein. Der Weihnachtsmarkt gehört zu einem größeren Projekt. Günter Quiel, Vorsitzender des Fördervereins, sagt: „Deutsche und Polen bringen uns gegenseitig unsere Traditionen näher. Weihnachtsmärkte wie bei uns kennt man in Polen außer in den größeren Städten nicht.“

Deutsche und Polen nebeneinander

Zur Eröffnung stehen Polen und Deutsche gleichermaßen auf der Bühne: Bartłomiej Bartczak, Bürgermeister von Gubin, neben ihm sein Gubener Amtskollege Fred Mahro (CDU). Auch Mitglieder der beiden Stadträte sind dabei. Spätestens jetzt wird klar: Guben ist politisch gesehen etwas Besonderes. Hier in der Niederlausitz überschneiden sich Kommunal-, Landes- und Europapolitik immer wieder. Menschen im Gubener Stadtrat und in den hiesigen Parteien wissen das, habe ich den Eindruck.

Um sich entwickeln zu können, muss sich die Stadt auch über die Grenze hinweg orientieren. Guben muss den Schluss mit Gubin suchen. Denn die Probleme links und rechts des Flusses sind die vielfach die gleichen. Guben kann ein Labor einer europäischen Stadt sein, in der Menschen mehrerer Nationalitäten friedlich miteinander Leben. Nicht mehr das Europa der Nationalstaaten zählt, sondern das der Regionen. Dies geschieht über weite Strecken bereits – siehe Förderverein und Weihnachtsmark. Insofern sind die Niederlausitzer de facto längst weiter als es die Politik in Brüssel oder Berlin ist.

Rechtliche Hürden

Die ehemalige Haupt- und Stadtkirche steht symbolisch für den gemeinsamen Weg von Deutschen und Polen: Beide Seiten bemühen sich um einen Wiederaufbau.

Die juristische Lage indes lässt es in mancherlei Hinsicht noch nicht zu. Günter Quiel macht es an einem Beispiel deutlich: Das Krankenhaus in Gubin sei geschlossen worden, während das örtliche Naemi-Wilke-Stift mit seiner auf 42.000 Einwohner ausgelegten Kapazität viel zu groß sei. „Warum“, fragt sich Günter Quiel, „können die Polen unser Krankenhaus nicht mit nutzen? Warum sind die Krankenkassen nicht in der Lage, länderübergreifend abzurechnen?“ Auch in anderen Bereichen blockieren unterschiedliche nationale Vorschriften die kommunale Entwicklung. Wer also etwas in Guben bewegen möchte, muss sich zwangsläufig in den Fallstricken des deutschen, polnischen und nicht zuletzt des europäischen Rechts auskennen.

Übrigens scheint dieses politische Dreigestirn nicht nur für Guben zu gelten, sondern für alle Kommunen entlang der deutsch-polnischen Grenze. Was also tun, um etwas zum Positiven zu drehen? Ein erster Schritt sollte vielleicht ein Informationsaustausch aller deutschen und polnischen Abgeordneten des Europäischen Parlaments sein. Dieser könnte jährlich stattfinden; besser noch alle sechs Monate. Übrigens: Ska Keller, Spitzenkandidaten der Grünen zur Europawahl, kommt aus Guben.