,

Das Dach über dem Kopf

In den Städten fehlen Wohnungen. Da sind neue Ideen gefragt. Foto: Buschmann

Wohnraum: Städte und Gemeinden müssen über andere Wege nachdenken

Bezahlbare Wohnungen: Dieses Thema wird uns in den kommenden Jahren noch ganz doll beschäftigen. Denn einerseits gibt es schlichtweg nicht genug Wohnungen, andererseits bauen Investoren allem Anschein nach am liebsten Hochpreisiges, mit dem sich am besten Geld verdienen lässt. Darüber berichte ich immer wieder als Lokaljournalist. Mal geht es um Jahresbilanzen, mal um spezielle Programme, mal auch um Menschen, seit Wochen auf der Suche sind. Kurz: Zu sagen gibt es für uns Journalisten immer etwas.

Es tut sich etwas

Zumal sich nach 20 Jahren Turbokapitalismus auf dem Wohnungsmarkt immerhin etwas Bewegung geraten ist: Bremen hat sich die „BreBau“ zurückgeholt und in Berlin wird immer lauter über eine Enteignung der „Deutsche Wohnen“ nachgedacht. Das alles ist der Tatsache geschuldet, dass es nicht nur in den Großstädten wahrscheinlicher ist obdachlos zu werden. Auch Klein- und Mittelstädte haben mit einem jeweils leergefegten Markt zu kämpfen. Sofern sie im Einzugsbereich der Metropolen liegen.

Ob Rückkauf oder Enteignung: Am Ende soll der Staat wieder mehr Einfluss auf den Wohnungsmarkt nehmen können. Immerhin hat sich gezeigt: Kosmetik wie die Mietpreisbremse bringt für die Familie mit ein, zwei oder gar mehr Kindern gar nichts. Im Gegenteil, viele der Wohnungsbaugesellschaften sind so plietsch, dass sie die Mitpreisbremse mit einigen zum Teil simplen Tricks umgehen.

Sozialer Wohnungsbau

Dass sich etwas tut ist schön und gut. Aber das reicht längst nicht aus, wie ich durch meine verschiedenen Recherchen gerade in den vergangenen zwei bis drei Jahren immer wieder festgestellt habe. Der überall fehlende Wohnraum birgt insbesondere in den Städten so viel sozialen Sprengstoff, dass der Staat hier gefordert ist. Bund, Länder und Kommunen müssen regulierend eingreifen.

Aus der marktradikalen Ecke bekommt jetzt sicherlich der eine oder andere Mensch spontan Durchfall. Regulierung, nein, das geht ja gar nicht! Das bedroht unseren Wohlstand! Ich halte dagegen: Stimmt nicht! Erst die Einführung des sozialen Wohnungsbaus hat zumindest in der alten Bundesrepublik mit dazu beigetragen, dass Menschen nicht noch mehrere Jahrzehnte in Baracken hausen mussten.

Neue Ideen

Sozialer Wohnungsbau ist nach meiner Überzeugung auch heute wieder das Gebot – nicht nur der Stunde, sondern der kommenden Jahre. Doch im Gegensatz zu den vergangenen Dekaden, in denen es darum ging, Masse statt Klasse zu produzieren beziehungsweise zu bauen, sind neue Ideen und Querdenken gefragt. Ebenfalls nicht von schlechten Eltern ist das Besinnen auf Lösungen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Linderung der ärgsten Wohnungsnot halfen.

In den Kaisenhäusern fanden viele Menschen nach dem Krieg ein neues Zuhause. Foto: Kulturhaus Walle

Der Kaisen-Erlass

Neue Ideen, Querdenken und bewährte Lösungen: Dies alles subsumiert sich für mich in den alten Kaisenhäusern. Zur Erinnerung: Weil mehr als 60 Prozent der Wohnungen Bremens nach dem Ende des Krieges 1945 zerstört war, gab es einen Erlass des langjährigen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen (SPD): Das Wohnen in den Kleingartenanlagen wird vorübergehend geduldet. „Dieser Erlass wurde schon 1949 wieder aufgehoben, wirkt aber bis heute nach“, schreibt das Bremer Bauressort auf seiner Internetseite.

In den folgenden Jahren folgten immer neue Stichtage, bis zu denen die Häuser geräumt sein mussten. In den 2000er-Jahren machte die Stadtgemeinde Bremen ernst und ließ eine Reihe von Familien zwangsräumen. Viele stehen aber auch noch in den Kleingartenanlagen und verfallen. Mit diesem Problem müssen sich viele der hiesigen Kleingartenvereine herumschlagen. Hintergrund dessen ist die Vorgabe des Bundeskleingartengesetzes: Es verbietet dauerhaftes Wohnen in den Kleingärten.

Baurecht neu schaffen

Warum einfach, wenn’s auch umständlich geht? Dieser Spruch fällt mir ein, wenn ich an die oftmals darbenden Kleingartenanlagen einerseits und fehlenden Wohnraum andererseits denke. Anders ausgedrückt: Warum können das Baurecht und das Bundeskleingartengesetz nicht so angepasst werden, dass zumindest zu einem Teil das Wohnen in den Kleingärten möglich ist? Warum wehren sich Baupolitiker quer durch alle Parteien dagegen, es zumindest zu versuchen?

Dies gehört für mich zu unkonventionellen Überlegungen um die Ecke beziehungsweise über den Tellerrand hinaus. Zu bedenken ist natürlich, dass sich a) die Ansprüche der Menschen geändert haben und b) die Infrastrukturen in den Kleingartengebieten verändert werden müssen. Stichworte sind hier beispielsweise die Erreichbarkeit, die Abwasserentsorgung und in der heutigen Zeit die Versorgung mit Internetanschlüssen.

Andere Ideen

Kleingartengebiete zu nutzen ist nur eine der unkonventionellen Wege, die es sich lohnt zu beschreiten. Einen anderen möglichen Pfad zeigt unter anderem die Gemeinde Weyhe auf: Dort schreibt die Satzung eine Sozialquote von 20 Prozent für Neubauten vor. Ebenso tritt die Gemeinde als Zwischenerwerber auf: Weyhe kauft eines oder mehrere Grundstücke und veräußert es ganz oder teilweise zu günstigen Konditionen, um Menschen mit schmalerem Geldbeuteln den Traum vom eigenen Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Weitere Ideen sind bei den Menschen erwünscht. Ob sie dann allerdings auch umgesetzt werden, muss sich zeigen.