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Eine andere Normalität

Lokaltermine bei Selbsthilfegruppen zeigen, wie Menschen mit Handicap und ihre Angehörigen den Alltag meistern

Es gibt Termine für uns Lokaljournalisten, die sind eben Termine. Wie sie hundertfach im Berufsalltag vorkommen. Eine Ausschusssitzung, eine Zusammenkunft eines Bremer Stadtteilbeirates oder etwas Offizielles wie die Grundsteinlegung für ein Einkaufszentrum. Sie sind redaktionelle Routine. Und dann sind da die Lokaltermine, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dazu zählen die Besuche von Selbsthilfegruppen. Sie bringen Menschen zusammen, deren Alltag anders ist als der der meisten anderen Zeitgenossen.

Lokaltermine bei Selbsthilfegruppen sind etwas Besonderes – auch für Bildjournalisten. Foto: Buschmann

An diesem Nachmittag steht ein Treffen mit der Selbsthilfegruppe Down-Syndrom im Landkreis Osterholz auf dem Programm. Leider sind nur zwei Kinder und drei Erwachsene ins Haus der Lebenshilfe an der Bahnhofstraße in Osterholz-Scharmbeck gekommen. Aber egal, auch wenige Menschen können mir als interessiertem Lokaljournalisten Einblick in ihren Alltag geben.

Zweifacher Eindruck

Es ist eine andere Normalität für diese Menschen. Sie und ihre Angehörigen stellen sich darauf ein. Es ist eine (Lebens-) Leistung, die mich schon nach kurzer Zeit zweifach beeindruckt – weil sich die werdenden Eltern für das werdende Kind entschieden haben und weil sie trotz eines kleinen Menschen mit Einschränkungen ihren Alltag organisieren. Von Traurigkeit ist nichts zu spüren, im Gegenteil: Die Stimmung ist gut, es wird viel gelacht. Eine der beiden Mütter bringt das Leben mit ihrer inzwischen siebenjährigen Tochter auf den Punkt: „Sie ist ein Geschenk.“

Die beiden Mädchen sind quirlig. Zuerst spielen sie mit den vielen Tennisbällen, dann fliegen die Kissen durch die Gegend durch die Gegend und schließlich stehen Brettspiele und Legosteine im Mittelpunkt ihres Tuns. Es sind eben Kinder, nur mit dem Down-Syndrom. Offiziell heißt diese Krankheit, eine Genommutation Trisomie 21. Genaue Erklärungen gibt es auf der Internetseite des Deutschen Down-Syndrom Infocenters.

Alles unter einem Hut

Dass diese Diagnose für die werdenden Eltern logischerweise ein Schock ist, daraus machen die beiden Mütter keinen Hehl. Natürlich sei es schwer gewesen, doch inzwischen sei es für die Familien eben Alltag. So viel Alltag, dass Mama, Papa und die Geschwister gar nicht mehr daran denken, dass eines der Kinder mit Einschränkungen leben muss. Was mich an diesem Nachmittag ebenfalls beeindruckt: In die sprichwörtliche Watte werden die Kinder nicht gepackt und die Mütter versuchen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Eine Mutter fängt demnächst wieder als Aushilfe in ihrem Beruf als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus zu arbeiten, die eine bewirbt sich. Beide Frauen haben den Anspruch, ihrem alten und neuen Arbeitgeber, verlässliche Mitarbeiter zu sein. Auch das gehört zur etwas von der Norm abweichenden Normalität dieser Familien. Hut ab vor ihnen.