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Erste Leichen

Der Überfall auf zwei Angestellt der Volksbank Bremen-Nord ist fast 25 Jahre her. Foto: Buschmann

Als 1994 zwei Volksbank-Mitarbeiter Opfer eines brutalen Überfalls werden, bin ich vor Ort

Im April 1994 wurden zwei Mitarbeiter der Volksbank Bremen-Nord Opfer eines brutalen Banküberfalls. Knapp 25 Jahre später rekonstruiert der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Geschehnisse. DIE NORDDEUTSCHE berichtet über die Dreharbeiten in Bremen-Lesum. Das weckt bei mir Erinnerungen – eine Rekonstruktion.

Es ist Freitagnachmittag, der 7. April 1994. Ich arbeite in der Bremen-Nord-Redaktion des WESER-KURIER. Ich bin kein Redakteur, sondern freier Mitarbeiter. Meine Artikel für die Ausgabe am Sonnabend sind fertig, ich bin schon dabei, meine Sachen zusammenzupacken. Ich freue mich aufs Wochenende, denn enge Freunde werden am nächsten Tag in der St. Martini-Kirche in Bremen-Lesum heiraten.

Gegen 15.30 Uhr ist es mit der Freude aufs Wochenende und die Hochzeitsfeier vorbei. Ein Anruf aus der damaligen Redaktion Lokales/Landespolitik rüttelt die Redaktion wach: Auf die Geschäftsstelle der Volksbank Bremen-Nord an der Hindenburgstraße/Ecke Lesmonastraße habe es einen Überfall gegeben. Zwei Mitarbeiter seien getötet worden. Einer müsse von dort für die Sonnabend-Ausgabe des WESER-KURIER berichten. Ich erkläre mich bereit hinzufahren. Die Kollegen halten die Stellung.

Bankangestellte hingerichtet

Als ich am Ort des Geschehens ankomme, ist der Auflauf groß. Sämtliche damals in der Stadt vertretenen Medien sind da. Ich informiere mich zuerst bei der Polizei und dem Bankvorstand über das Geschehen. Demnach war ein Mann kurz vor Schließung der Geschäftsstelle um 14.30 Uhr von hinten in die Räume eingedrungen. Anschließend erschoss er die beiden Bankangestellten. Sie seien mit aufgesetzten Kopfschüssen regelrecht hingerichtet worden, erinnere ich mich an die Stellungnahme der Polizei.

Die Umstände der Tat lassen niemanden kalt – weder die Kollegen noch mich. Und noch weniger die Beteiligten. Die beiden anwesenden Volksbank-Vorstände sind den Tränen nahe. Auch dem damals zuständige Einsatzleiter der Polizei, der damals Leiter des Abschnitts Bremen-Nord ist, steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Ich bin seit 25 Jahren Polizist, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt er. Ähnlich ergeht es den beteiligten Kräften des Roten Kreuzes, die ich durch meine ehrenamtliche Arbeit als Führungskraft dort persönlich kenne. „Da war nichts zu machen“, flüstert mir einer der Rettungsassistenten ins Ohr.

Eine Blutlache

Während wir Medienmenschen auf neue Informationen warten, kann ich ein Blick ins Innere der Geschäftsstelle erhaschen. Männer in weißen Overalls sichern Spuren. Sie bewegen sich vorsichtig. Von den Leichen ist zu diesem Zeitpunkt zumindest von außen nichts zu sehen. Ob sie bereits abtransportiert sind, weiß ich nicht. Was ich aber sehe, ist eine riesige Blutlache. Mich schaudert es. Mehr aktuelle Informationen gibt es vor Ort nicht. Ich fahre zurück in die Redaktion.

Als ich in die Tür komme, kommt mir einer der Kollegen gerade entgegen. Die komplette Mannschaft ist dort geblieben. Ich berichte aus Lesum. Je mehr ich erzähle, desto bleicher wird der eine Kollege. Das Geschehen jetzt ins Redaktionssystem zu schreiben, erweist sich als echte Herausforderung. Zum Glück muss ich einer Kollegin im Pressehaus nur zuliefern. Ich halte kurz inne und schreibe meine Zeilen in gut 30 Minuten runter. Als ich fertig bin, schicken mich meine Nordbremer Kollegen nach Hause.

Meine erste PTBS

Als ich dort ankomme, bahnt sich der innerliche Stress seine Bahn. Habe ich in der Redaktion ein paar Tränen weggedrückt, so muss ich jetzt heulen. Aus heutiger Sicht ist es wohl die erste Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die ich da gerade durchmache. Ich verzichte aufs Abendessen und schlafen kann ich in der folgenden Nacht auch nicht richtig. Ähnlich geht es der Kollegin aus dem Pressehaus, mit der ich an diesem Tag zusammenarbeite. Sie hat auch Wochenenddienst.

Zum Glück geht es mir im Laufe des Tages wieder besser, sodass die Hochzeit meiner Freunde auch für mich ein schönes Ereignis wird. Was für mich an diesem Sonnabend indes etwas komisch ist: Die St. Martini-Kirche liegt nur etwa 400 Meter Luftlinie von der Geschäftsstelle der Volksband entfernt.

Fassungslose Bankangestellte

Was sich in der Woche darauf in den Geschäftsstellen der Volksbank abspielt, ist für mich auch heute noch unbegreiflich. In der Hauptstelle an der Vegesacker Gerhard-Rohlfs-Straße spricht niemand. Alle Mitarbeiter sind geschockt. Wer es nicht unbedingt muss, vermeidet den Kundenkontakt, um nicht reden zu müssen.

Eine gute Bekannte, die ebenfalls in der Volksbank-Hauptstelle arbeitet, ist an diesem Montag gar nicht zu gebrauchen. Wir treffen uns gelegentlich zum Mittagessen. Dabei geht es sonst recht lustig zu. Doch an diesem Tag bekommt sie kein Wort raus. Ständig muss sie weinen. Daran ändert sich auch in den darauffolgenden Tagen nichts. Die Volksbank Bremen-Nord bucht im WESER-KURIER großformatige Todesanzeigen. Und am Tag der Trauerfeier sind alle Geschäftsstellen geschlossen.

Noch lange ist diese Tat Gesprächsthema in Bremen-Nord. Doch irgendwann entschwinden die Ereignisse aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst jetzt rekonstruiert der NDR das Ganze. Und die Geschäftsstelle der Volksbank wird nie wieder eröffnet werden.