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In einem Boot

Landwirtschaft ist im Lokalen trotz aller Diskussionen ein Thema

Artgerechte Tierhaltung geht auch ohne das Bio-Siegel. Foto: Buschmann

Zugegeben, die Weihnachten 2019 ist schon wieder ein bisschen hin. Aber die Reportage, die ich für die Rotenburger Kreiszeitung geliefert habe, war eine für die Vorweihnachtszeit. Und: Sie hat für das kommende Jahr durchaus Bedeutung, geht es doch um den Umgang von uns Journalisten mit den Landwirten.

Nun muss der geneigte Leser dieser Zeilen wissen, dass die Rotenburger Kreiszeitung für ihre Berichterstattung die „Goldene Mistgabel“ der Landwirte bekommen hat. Ich wollte einmal wissen: Gibt es eigentlich Landwirte, die unser aller Weihnachtsbraten vor Ort produzieren. Ergebnis: Die gibt es. Die Tiere dort werden zwar nicht gleich hardcore-ökologisch groß, aber artgerecht.

Return of Invest

In knapp drei Stunden auf dem Hof von Anke und Günter Lütjens in Hemslingen habe ich einige Dinge gelernt; so zum Beispiel, dass es in Sachen Landwirtschaft kein Schwarz und kein Weiß gibt. Anders ausgedrückt: Die konventionellen Betriebe sind nicht die Bösen und die Biobauern automatisch die Guten. Hinzu kommt, dass ein Landwirt im Deutschland und der EU heute genau kalkulieren muss. Landwirtschaft hat genauso mit Kalkulation, Investition und Return of Invest zu tun, wie das Produzierende Gewerbe.

Landwirtschaft vor der Haustür

Dass Tierwohl und konventionelle Landwirtschaft kein Widerspruch sind, war für mich am Ende der Recherche klar. Dies alles steht für mich in gewissem Sinne in krassem Gegensatz zu dem, was in der öffentlichen Diskussion hier und da kolportiert wird. Ich schließe daraus, dass wir alle genauer hinschauen sollten – geht es doch um die Sicherung unserer Lebensgrundlagen. Hier haben wir Lokaljournalisten eine besondere Aufgabe. Schließlich findet Landwirtschaft quasi vor unserer Haustür statt.

Aber wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass wir Lokaljournalisten eben keine ausgewiesenen Fachleute sind. Deshalb müssen wir uns (fort-) bilden. Aber Vorsicht, hier und da kommt es vor, dass der Grundsatz des Heranziehens mehrerer Quellen verletzt wird – frei nach dem Motto „Ruf doch mal beim Landvolk an und lass Dir das erklären“. So sollte es eigentlich nicht sein, aber die Kolleginnen und Kollegen stehen in der Regel unter solch einem Arbeitsdruck, dass ihnen meistens keine andere Möglichkeit bleibt.

Seiten füllen, Inhalte liefern

Leider ist es gerade in den Lokalredaktionen auf dem Land noch immer Normalität, dass die Kolleginnen und Kolleginnen gezwungen sind, eine bestimmte Anzahl von Beiträgen täglich zu schaffen. Die Herren über die betriebswirtschaftlichen Kennzahlen erwarten entsprechenden Output. Dass hierzu auch eine gründliche Recherche notwendig ist, wird oftmals verkannt oder wissentlich ignoriert.

Im gleichen Boot

Vor diesem Hintergrund mutet es schon als eine gewissen Ironie an, dass Lokaljournalisten auf der einen und Landwirte auf der anderen Seite im übertragenen Sinne im gleichen Boot sitzen: Beide müssen sich immer wieder fragen lassen, warum denn ihre Produkte genau diesen Preis haben. Dass dahinter Arbeit steckt, verstehen viele Leute nicht. Sie möchten einerseits günstige Lebensmittel, aber auch keine Tiere aus Massenhaltung. Dass die Preise nur über Masse niedrig gehalten werden können, lernt jede Kauffrau beziehungsweise jeder Kaufmann während der Ausbildung. Insofern passt die Überschrift des Beitrags: „Qualität hat ihren Preis“.

Über uns Freie

Diese Aussage trifft auf der Medienseite noch mehr auf uns Freie zu. Wie ich in einem früheren Beitrag schon einmal beschrieben habe, zahlen die Medienhäuser üblicherweise Centbeträge je Zeile. Die Herren der betriebswirtschaftlichen Kennzahlen machen da keinen Unterschied, ob es sich um Schüler, pensionierte Lehrer oder Vereinsvorsitzende handelt, die nebenbei ein bisschen schreiben, handelt oder um freie Journalisten, die auf diese Weise ihren Lebensunterhalt verdienen.