Über meine Erfahrungen als Couchsurfer

Ich erinnere mich noch gut an das Frühjahr 2011. Damals arbeitete ich in der Lokalredaktion der Rotenburger Kreiszeitung. Ein junger Kollege war gerade aus dem Urlaub zurückgekommen – zwei Wochen London lagen hinter ihm. Er hatte viel zu berichten. Zwei Wochen London? „Wow“, dachte ich, „der Kollege muss ja Geld haben.“ Hotels in London sind nämlich nicht gerade günstig. Wer dort seinen Urlaub verbringt, braucht gute Beziehungen, soll das Loch in der Kasse nicht riesengroß werden.

Allerdings hatte der Kollege weder unendlich viele Euro auf dem Konto noch Beziehungen in die britische Metropole. Jetzt wurde ich neugierig. Wie er dann bitte übernachtet habe, wollte ich wissen. „Ich mache Couchsurfing“, erklärte mir der Kollege. Ich schaute ihn etwas ungläubig an. Er verwies mich auf die Internetseite www.couchsurfing.org. Couchsurfing? Hä? Ich war immer noch ungläubig.

10 bis 15 Jahre jünger

Wieder zuhause tat ich wie mir der Kollege geheißen. Ich schaute mir das alles an, recherchierte ein bisschen weiter im Internet und fand es am Ende ziemlich interessant. Nur eines war für mich als damals Mittvierziger etwas komisch: Ich würde Menschen aufnehmen, die im Durchschnitt zehn bis 15 Jahre jünger sind als ich. Doch diese Befürchtung hat sich als völlig unbegründet erwiesen. Zwar könnten die meisten meiner Surfer locker meine Kinder sein. Doch es kommen auch Menschen von Mitte 30 bis Mitte 40 – Couchsurfing vereint irgendwie alle Altersgruppen. Heute bin ich 53.

Hinter Couchsurfing steht das Prinzip, anderen Reisenden kostenlos eine Schlafgelegenheit, eine Couch zur Verfügung zu stellen. Der Begriff stammt – wie sollte es anders sein – aus der Welt des Internets. Im Englischen surfen die Nutzer nämlich auch. Wer einen Schlafplatz zur Verfügung stellt, ist der Host. Wer eine Schlafgelegenheit sucht, der surft. Voraussetzung dafür ist die Registrierung auf der Plattform. Aus Gründen der eigenen Sicherheit und der anderer Nutzer ist es sinnvoll, mindestens eine der drei Verifizierungsarten.

Kleine Anlaufschwierigkeiten

Anfangs tat sich gar nichts, so dass ich mein Profil schon nach wenigen Wochen wieder deaktivierte. Aber Ende 2013 habe ich mich entschlossen, es doch noch einmal zu versuchen. Meine Erfahrung bis heute: Ich habe es nicht bereut. Nicht nur, dass ich mir quer durch Europa ein Netzwerk an Übernachtungs- und Reisemöglichkeiten aufgebaut habe. Vor allem lerne ich Menschen aus aller Welt stecken.

Seit 2013 ist buchstäblich die ganze Welt bei mir zuhause im beschaulichen Bremen-Vegesack gewesen. Ich habe Surfer aus Taiwan, China, Japan, Vietnam, Russland, Belarus, der Ukraine, Litauen, Lettland, Estland, Finnland, Schweden, Polen, Ungarn, Tschechien, den Niederlanden, Spanien, den USA, Großbritannien und Mexiko zu Gast gehabt. Und natürlich Menschen aus Deutschland. Vielfach haben sich Bekanntschaften ergeben, andere habe ich jedoch nie wieder gesehen. Unterm Strich möchte ich meine Couchsurfer nicht missen.

Mary Benokowska aus Lviv

Beliebt bei Studierenden

Die Gründe, warum Menschen Couchsurfing machen, sind so unterschiedlich, wie sie selbst. Meistens sind sie unterwegs, um andere Städte, Länder und Kulturen kennenzulernen. Dies eint alle Couchsurfer. Und zwar weltweit! Zu 80 Prozent beherberge ich Studenten. Sie nutzen die Wochenende für Kurztrips. Da sie in der Regel wenig Geld haben, sind sie via Couchsurfing nicht nur auf der Suche nach einer günstigen Übernachtungsgelegenheit. Auch die Anreisen erfolgen so günstig wie möglich: mit einer der Billigfluggesellschaften oder einem der Überlandbusse. Den Rekord halten dabei meine Gäste aus China: Sie schaffen drei Städte an einem Wochenende.

Über sie habe ich bislang wenig erfahren – allein schon aus dem Grund, weil sie nur eine Nacht bleiben. Aber sie geben auch nicht viel von sich preis. Anders ist es bei den Gästen, die mindestens zwei Nächte bei mir verweilen. Sie vermitteln mir Einblicke in ihre jeweilige Kultur und Denkweise, die kein Reisebericht vermitteln kann. Auch über die Verhältnisse in ihren Heimatländern sprechen sie ganz offen.

Russische Einblicke

Da ist zum Beispiel das junge Paar aus Russland. Sie verweilen Ende des Jahres bei mir, um anschließend an die Nordseeküste weiterzureisen. Dort möchten sie den Jahreswechsel verbringen. Sie berichten mir vom Innenleben der russischen Gesellschaft. Dabei stelle ich fest: Wenn wir mal die Politik ausblenden, sind Russen die Russen gar nicht so weit weg von den Westeuropäern.

Nachdem sie sich erst einmal von der Reise erholt haben, serviere ich am nächsten Morgen Frühstück. Sie fragen mich nach meinem Studium. Ich erkläre ihnen mein Politikwissenschafts-Studium an der Uni Bremen. „Kennst Du Wolfgang Eichwede?“, fragt mich der junge Mann. Ich muss lachen: „Ja, bei dem hatte ich einige Vorlesungen.“ Obwohl er längst emeritiert ist, hat sein Name zumindest in einigen Kreisen Russlands noch einen guten Klang.

Der junge Mann arbeitet in einem Institut, das mit Hochtechnologie zu tun hat. Er macht keinen Hehl daraus, dass alle technischen Fakultäten direkt oder indirekt vom russischen Inlandsgeheimdienst FSB abhängig seien. Sie könnten nur dann überleben, wenn sie von dort beziehungsweise vom Staat Geld bekommen.

Der Unabhängigskeitsplatz in Tallinn. Fotos: Buschmann

Die Liebe zum Baltikum erwacht

Ein besonderes Verhältnis habe ich persönlich zu den baltischen Staaten Litauen und Lettland sowie zu Estland aufgebaut. Seitdem ich das erste Mal im Jahr 2014 kurz nacheinander zwei Frauen aus der estnischen Hauptstadt Tallinn, zwei junge Frauen aus Riga beziehungsweise Ventspils und zwei Männer aus Vilnius zu Gast hatte, ist mein Herz für diesen Teil Europas entbrannt. Ich reise dorthin nicht nur privat gerne, sondern verlege auch meinen beruflichen Schwerpunkt mehr in diese Region.

Von diesen Menschen – insbesondere von den jungen – habe ich gelernt, dass sie viel Wert auf kulturelle und nationale Eigenständigkeit legen. Beides ist für die Menschen aus Estland, Litauen und Lettland kein Widerspruch zur Europäischen Union beziehungsweise zu einer Mitgliedschaft darin. Meine Couchsurfer, zu denen sich inzwischen ein durchaus enges Verhältnis entwickelt hat, sind so etwas wie europäische und Weltbürger in einem.

Und wie ist es mit der Angst vor Russland? Auch was dies angeht, sind sie zumindest mir gegenüber ziemlich entspannt. Es gibt zwar die Sorge, dass der große Nachbar Einfluss auf die Politik ihrer Länder nimmt oder gar versucht, Zwietracht zu streuen. Aber richtig fürchten scheint sich niemand davor. Da passiere nichts, glaubt beispielsweise Giedrius aus Vilnius. Was ihnen mehr Sorge macht, sind die vielen russischstämmigen Menschen in ihren Ländern. Sie seien durchaus ein Problem, und das müsse die Regierung lösen, meint Merle aus Saku, rund 30 Zugminuten von der estnischen Hauptstadt Tallinn entfernt.

Horizonterweiterung(en)

Lustige Selfies gehören heute dazu: Olya (links), Maria und ich warten auf die U-Bahn.

Die Gespräche – egal ob als Surfer oder bei mir am Frühstückstisch oder bei schönem Wetter auf meinem Balkon als Host – erweitern stets meinen Horizont. Das habe ich insbesondere in diesem Jahr gemerkt. Im April habe ich das erste Mal zwei Frau aus der Ukraine gehostet. Eigentlich, verraten sie mir lachend beim Frühstück, hatten sie einen Urlaub in Ägypten geplant. Doch sie bekamen kein Visum. Also ging es nach Bremen.

Die beiden Frauen heißen Olya und Maria. Beide leben in der ukrainischen Hauptstadt Kiew. Olya ist dort geboren, aber Maria musste dorthin fliehen. Sie stammt aus dem Donbass. Als dort die Auseinandersetzungen mit den Separatisten losgingen, flüchtete Maria mit ihren Eltern nach Kiew. Über den Krieg selbst mag sie nicht viel sprechen. Sie möchte vielmehr ihren Job als Programmiererin an den Nagel hängen, um ein Psychologie-Studium zu beginnen.

Abends auf dem Balkon fragt sie mich nach meiner Meinung. Ich antworte ihr: „Wenn Du in Deinem jetzigen Beruf unglücklich bist, informiere Dich.“ Tatsächlich bringt Maria alles Notwendige in Erfahrung. Bei ihrem Besuch dachte sie noch darüber nach, im europäischen Ausland zu studieren. Inzwischen hat sie sich dafür entschieden, in der Ukraine zu bleiben. „Ich möchte in meinem Land bleiben und hier etwas bewegen“, schreibt sie mir vor wenigen Tagen per Messenger.

Referenzen sind sinnvoll

Meine zweite Begegnung mit der Ukraine habe ich mit Mary aus Lviv, dem früheren Lemberg. Sie studiert Architektur und hat ein Vorstellungsgespräch in Bremen für ein Praktikum. Ich würde (…) gerne ein bisschen länger bleiben als nur für ein Interview, um die Stadt zu erkunden. Ich habe gehört, dass es sich lohnt“, schreibt sie mir über die Couchsurfing-Plattform. Ich sage zu und stelle fest: Mary gehört zu jenen selbstbewussten und gradlinigen Frauen, die ich vor allem durchs Couchsurfing kennengelernt habe. Sie wissen was sie wollen verfolgen ihren Weg. Hilfe oder Anleitung benötigen sie nicht.

Wenn Menschen wie Mary couchsurfen, verbinden sie das Nützliche mit dem Angenehmen – eine Fähigkeit, die uns Deutschen leider vielfach verloren gegangen ist. Insofern bringen mir die Couchsurfer noch einiges bei; auch wenn ich in der Regel 15 bis 20 Jahre älter bin als meine Gäste.