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Heute, im Osten

Die Bilanz einer Erkundungsreise im Ostenn – von Leuna über Guben und Ueckermünde bis Usedom

Der Zustand vieler Kreisstraßen ist eines der kommunalen Reizthemen Usedoms. Fotos: Buschmann

Der Osten – auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und der Implosion der DDR ist er vielen Menschen noch immer fremd. Drei Jahrzehnte – so mein Gefühl – sind die wenigsten Menschen aus der „alten“ Bundesrepublik in Frankfurt an der Oder, in Guben oder in Ueckermünde gewesen. Geschweige denn, dass ein Großteil der Menschen weiß, wo diese Orte überhaupt liegen.

Ich habe mir die Zeit vor Weihnachten 2018 genommen und bin auf Entdeckungsreise gegangen. Ich wollte wissen: Was denken Menschen in Brandenburg? Wie stehen eigentlich die Kirchen da? Was macht eigentlich die vielfach totgesagte alte Tante SPD? Und wie gestaltet sich das Leben diesseits und jenseits der Grenze?

Durchwachsene Bilanz

Meine Bilanz fällt durchwachsen aus. Doch das Positive überwiegt. Zunächst: Die oftmals totgesagte Zivilgesellschaft im östlichen Landesteil Deutschlands existiert doch noch. Nur wird sie eben insbesondere im Westen nicht so wahrgenommen, wie sie es eigentlich verdient hat. Die Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren, sind das, was in der Wirtschaft die „hidden champions“ sind: Erfolgreich in ihrem Feld, doch von der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich wahrgenommen.

Über die Kirchbauvereine

Ein Beispiel dafür sind für mich die Kirchbauvereine, die nach der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR beziehungsweise im jetzt größeren Deutschland entstanden. In einem Landstrich, der durch das totalitäre SED-Regime seiner kirchlichen und religiösen Wurzeln nahezu beraubt wurde, kümmern sich engagierte Menschen darum, dass die Kirchengemeinden zwar nicht mehr wachsen. Aber die Kirchen bleiben im Dorf – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn: Kirchbauvereine sind dazu da, die Kirchen wenigstens als (kulturelle) Treffpunkte zu erhalten.

Alltag entlang der Grenze

In meinem Beitrag vom 15. Dezember habe ich bereits beschrieben, wie der Alltag diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze organisiert werden kann – der Raum Guben/Gubin ist dafür ein Labor. Gleiches gilt für das Zusammenleben beziehungsweise Zusammenwachsen der Menschen in Frankfurt (Oder) und Slubice. Es war für einen Menschen wie mich ohne derartige Grenzerfahrung faszinierend zu sehen, wie selbstverständlich das alles abläuft.

Polnischer Zuwachs

Doch es gibt auch viele Regionen, die nahezu entvölkert sind. Wer im südlichen Vorpommern über die Dörfer fährt, der wird schnell feststellen: Dort wirkt vieles nach wie vor wie aus der Zeit gefallen. Aufschwung Ost? Der ist da nicht angekommen – oder nur in sehr bescheidenem Maße. Drolligerweise bekommen diese Orte so etwas wie neues Leben eingehaucht. Denn: Viele Polen entdecken notgedrungen die deutschen Nachbarn, wo es billigen Baugrund gibt.

Wo noch vor zehn Jahren die Einöde der Postwende-Zeit vorherrschte, blühen die Dörfer wieder auf. Beispiel Penkun: Die 1000-Einwohner-Stadt bekommt so doll Zuwachs, dass etwa die lutherische Kirchengemeinde in ihrem Mitteilungsblatt eine polnischsprachige Seite herausgibt. Das ist eigentlich eher ein Service für die Erwachsenen. „Die Kinder gehen in unsere Schulen und lernen schnell Deutsch“, sagt Bernhard Riedel, Pastor der Kirchengemeinde.

Wenig Gemeinsamkeiten

Leider habe ich feststellen müssen, dass es nicht überall so gut läuft. In Vorpommern zum Beispiel. Dort scheint es auch nach einer Generation nicht gelungen zu sein, aus dem Grenzraum von Usedom im Westen und Swinemünde im Osten etwas Gemeinsames zu entwickeln. Im Gegenteil, die Menschen fühlen sich noch immer abhängt. Das Aufbegehren und die öffentliche Diskussion über unterschiedliche Themen sind meinem Eindruck nach eher unterentwickelt. Und von den Löhnen brauchen wir gar nicht sprechen.

AfD-Land

Die Menschen fühlen sich – wie in vielen Regionen – von der „großen“ Politik nicht mehr vertreten. Die Konsequenz: Der Nordosten ist AfD-Land. Ralph Weber hat bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr mit rund 20 Prozent den Wahlkreis gewonnen. Die anderen Parteien sind abserviert. Interessanterweise scheint aber nur die SPD im Kommunalen etwas zu tun. So greift der Ortsverein Usedom regelmäßig die Themen auf, die den Menschen irgendwie unter den Nägeln brennen. Es geht um den Zustand der Straßen, um mangelnde Mitbestimmung bei einer der größten Rehakliniken, um die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs von Berlin nach Usedom und vieles mehr. Das alles habe ich bereits aufgeschrieben.

Günther Jikelli ist Vorsitzender der Usedomer SPD. Er und seine Geniossen machen sich für eine Zugverbindung von Berlin auf den Inselsüden bis Heringsdorf stark.

Gemeinsamer Nenner

Was mir während meiner knapp zweiwöchigen Reise aufgefallen ist: Die engagierten Menschen in den Parteien und der Zivilgesellschaft verbindet der Umstand, dass sie ihre Arbeit eigenständig organisieren. Die Landesregierungen sind weit weg. Hintergrund dieser Einstellung: Die Menschen fühlen sich durchweg nicht oder nur mangelhaft vertreten. Da muss wohl noch etwas geschehen.

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Ich bin’s aktualisiert

Es gibt auch noch andere Plattformen, auf denen ich zu finden bin. Dazu gehören die Freischreiber und Torial. Dort habe ich meine Profile aktualisiert. Auch Xing ist überarbeitet:

Für sie war es Besetzung

Bilder im Okkupationsmuseum in Tallinn aus sowjetischer Zeit. Foto: Buschmann

Die Sanktionen gegen Russland aufheben – immer wieder denken Politiker hierzulande darüber nach. Es schade auf Dauer gesehen der deutschen Wirtschaft, ist eines der Argumente. Wer so denkt in Litauen, Lettland und Estland denkt, erntet mindestens einen Blick voller Unverständnis, schlimmstenfalls gibt es böse Beschimpfungen. Das wiederum versteht der gemeine Deutsche nicht.
Wer nämlich das Verhältnis zu Russland verstehen möchte, der muss einen Blick in die Geschichte dieser Länder werfen. Sie feiern 2018 den 100. Jahrestag ihrer Unabhängigkeit. Nach jahrhundertelanger Fremdbestimmung durch den Deutschen Orden, durch eine Deutsch sprechende Oberschicht und später den russischen Zaren wurden Estland, Litauen und Lettland erstmals in ihrer Geschichte im November 1918 souveräne Staaten.
Allerdings hielt diese Phase nur bis zum Beginn des Zweiten Weltkriegs: Durch den Hitler-Stalin-Pakt waren die drei kleinen Staaten – einmal mehr – sowjetisches Einflussgebiet. Die Rote Armee rückte ein. Ab Juni 1941 folgte ihnen die Wehrmacht. Und als die 1944/1945 geschlagen war, kamen die Stalinisten zurück. Was jetzt einsetze, war eine groß angelegte Russifizierung.
Dies fanden die baltischen Staaten logischerweise gar nicht witzig. Nach dem Untergang der Sowjetunion sprachen war es dort denn auch Konsens, dass die sowjetische Besetzung nun zu Ende sei – eine andere Lesart als die westliche: Bei uns heißt es stets, die baltischen Staaten hätten im Jahr 1991 ihre Unabhängigkeit erklärt.
Interessant ist, dass dieses Geschichtsbild in den „Okkupationsmuseen“ in Tallinn, Riga und Vilnius vermittelt wird. Die Sowjetunion und heute Russland ist beziehungsweise sind bis heute der große Widersacher der Litauer, Letten und Estländer. Vor diesem Hintergrund spielt auch der Ukraine-Konflikt dort eine ganze andere Rolle. Beispiel Tallinn: Dort gibt es auch vier Jahre nach dem Einmarsch der „grünen Männchen“ auf der Krim und im Donbass regelmäßig Benefizkonzerte. Dies spielt speziell in der deutschen Betrachtung keine Rolle.