Beiträge

,

Kirche goes digital

Weil die Gottesdienste wegen Corona ausfallen, suchen Gemeinden nach neuen Wegen

Keine Gottesdienste, keine Gruppentreffen, keine Konzerte – die Coronapandemie hat die Kirchengemeinden kalt erwischt. Größtenteils zumindest. Was also tun, wenn das traditionelle Leben so erst einmal nicht mehr stattfindet? Gut reagieren – mit digitalen Angeboten.

Für evangelisch.de habe ich mich auf die Suche gemacht. Die knapp zweiwöchige Recherche war für mich eine Entdeckungstour der besonderen Art. Umfragen lesen, Powerpoint-Präsentationen auswerten, unzählige Gespräche am Telefon und per Videokonferenz führen – das alles fühlt sich noch immer an wie eine kleine virtuelle Pilgerreise. Dabei ist der Text noch nicht geschrieben.

Beispiel Hannoversche Landeskirche: Auf der Internetseite sind alle digitalen Angebote gesammelt. Fotos: Buschmann

Predigt online“

Aber er hat eine Geschichte, und die beginnt im Sommer 2019. Schon lange blicke ich auf die Digitalisierung in den evangelischen Landeskirchen. Durch eine andere Recherche bin ich im Internet auf das Projekt „Predigt online“ der Evangelisch-Lutherischen Kirche Hamburg gestoßen. Auf der Internetseite können Interessierte vorproduzierte Beiträge anklicken. Der Zweck: Menschen erreichen, die nur unregelmäßig oder gar nicht in den Gottesdienst kommen – oder nicht kommen können.

Ich habe die Geschichte in den vergangenen Monaten nicht zu Ende recherchieren können. Deshalb liegt sie auf meinem Schreibtisch ganz unten im Projektstapel. Dann kommt die Coronapandemie mit dem Lockdown. Schneller als gedacht, werden das Thema und somit meine Recherche vom Sommer 2019 wieder interessant – systemrelevant sozusagen.

Digitale Berührungsängste

Allerdings nimmt die Geschichte einen anderen Verlauf. Denn: In meinem eigenen Umfeld habe ich beobachten können, wie schwer sich Kirchenmenschen mit dem Thema Digitales tun. Die Berührungsängste sind groß, teils aus Unwissenheit, teils aus Bequemlichkeit. „Damit will ich nichts zu tun haben“, sagte ein Gemeindemensch zu mir.

Ich frage mich: Trifft dies wohl auch auf andere Kirchengemeinden zu? Das neue Thema steht: Wie beziehungsweise in welcher Form kommen digitale Medien zum Einsatz? evangelisch.de greift zu. Aber wie an das Thema herangehen? Kirche ist nicht gleich Kirche und Gemeinde nicht gleich Gemeinde.

Kleiner Fragenkatalog

Ich erinnere mich an eine Fortbildung vor drei Jahren über „Recherche und Netzwerkbildung“. Damals sagte unser Referent, Facebook sei wie ein Gemischtwarenladen: „Da findet Ihr alles.“ Diesen Rat beherzige ich und arbeite mich durch die Gruppe „Kirche und Social Media“. Die dortigen Angebote verschaffen mir einen guten Überblick. Über die Posts gelange ich zu diversen Kirchengemeinden, zu Initiativen von Kirchenkreisen und zu den Medien- beziehungsweise Social Media-Beauftragten einzelner Landeskirchen.

Ich nehme per E-Mail Kontakt auf und übermittle einen Katalog mit vier Fragen:

  • Gibt es bei Mitarbeitenden grundsätzlich Berührungsängste, das Digitale zu nutzen? Oder stehen die Mitarbeitenden dem positiv gegenüber?
  • Können Sie mir ein oder zwei positive Beispiele aus Ihrer Landeskirche nennen?
  • Hat sich die Nachfrage nach Hilfe bei der Nutzung digitaler Medien durch die Kontaktbeschränkungen erhöht?
  • Was bleibt für die Zukunft?

Große Gesprächsbereitschaft

Die Ausbeute ist gut, alle sind bereit, mit mir zu sprechen. Nur ein Verantwortlicher kann nicht mit mir sprechen, weil er Urlaub hat. Immerhin beantwortet er mir meine Fragen innerhalb einer Stunde per E-Mail. Zwei angeschriebene Wissenschaftlerinnen antworten gar nicht. Es folgen Interviews per Videokonferenz und Telefon. Durch die Gespräche bekomme ich weitere Kontakte zu Kirchengemeinden.

Mein Gesprächsnetzwerk erstreckt sich von Luckenwalde über Bayern und das Rheinland bis nach Detmold und Oldenburg. Dort, wo ich keinen direkten Kontakt aufnehme, beziehe ich die Informationen der jeweiligen landeskirchlichen Internetauftritte mit ein. Hier liefert unter anderem die Evangelisch-Lutherische Kirche in Norddeutschland viel Material. Auch die Hannoversche Landeskirche bietet einen guten Überblick.

Zwei Wochen intensiver Recherche macht einen zwei Zentimeter hohen Stapel Papiere.

Zwei Zentimeter Notizstapel

Mein Notizenstapel wird höher und höher. Inzwischen misst er knapp zwei Zentimeter. In Zeiteinheiten ausgedrückt sind es zwei Wochen Recherche. Die Zeit fürs Sortieren und Schreiben ist darin noch nicht berücksichtigt. Das geschieht erst dann, wenn dieser Blogpost von mir veröffentlicht sein wird. Zwischendurch schaue ich mir das Ergebnis meiner Arbeit immer wieder einmal durch. „Kirche kann ziemlich kreativ sein. Man muss die Leute nur lassen oder sie müssen dazu gezwungen werden“, denke ich so bei mir.

Es gibt eine Reihe von Aktionen, die mir persönlich besonders gut gefallen. Hierzu zählen „Kirche Plus“ der Lippischen Landeskirche und die „Zahnputzandachten“ der Gemeinde Luckenwalde. Warum ich dies schreibe? Die Antwort ist einfach: Das, was die Gemeinden da in den vergangenen zwei Monaten während des Lockdowns auf die Beine gestellt haben, hat mich dazu bewogen, grundsätzlich über das Digitale nachzudenken. Was bringt es mir persönlich? Welche Lehren soll beziehungsweise kann ich speziell aus dieser Recherche mitnehmen?

Was bleibt für die Zukunft?

Und ich finde, es lohnt sich, den Blick in die Zukunft zu richten. Welche Gemeinde erhält ihr digitales Angebot aufrecht? Wo wird dieses vielleicht sogar ausgebaut? Diese Fragen sind durchaus berechtigt, denn schon jetzt hat sich gezeigt, dass die Kirche auf digitalem Weg viel mehr Menschen erreicht als mit dem traditionellen Gottesdienst.

Viele Verantwortliche haben es begriffen. Aber es gibt auch Gemeinden, die zögerlich handeln. Hierzu zählt die St. Katharinengemeinde in Brandenburg an der Havel. Am 3. Mai sagte Pfarrer Jonas Börsel auf Youtube: „Dieses wird vorerst das letzte Video für den Sonntag sein.“ Die Gemeinde dürfe sich unter Auflagen wieder in der Katharinenkirche treffen. Ob das Projekt der Sonntagsandachten fortgeführt werde, soll in den kommenden Wochen ausgewertet werden.

,

Tief ins Herz

Über Gospels zu berichten, lohnt sich immer

Zum 1. Bremer Gospelwochenende gehörte auch ein Workshop in der Martin-Luther-Gemeinde. Foto: Buschmann

Es gibt Aufträge und Termine, die einfach nur ein Job sind und es gibt solche, die in die Seele und tief ins Herz gehen. So groß ist Spannungsfeld für einen Lokaljournalisten. So ist es mir ergangen. Ich habe für evangelisch.de über das 1. Bremer Gospelwochenende berichtet – und zwar über den Gospelworkshop. Eine Vorbereitung auf das für abends auf dem Bremer Marktplatz geplante Open air-Konzert aller 16. Gospelchöre.

Dass es mehr werden würde als ein üblicher Sonnabendmittag-Termin war mir insgeheim schon auf dem Weg zur Martin-Luther-Kirche klar. Als ich ankam, war Coach, Komponist und Gospelsänger Chris Lass längst in seinem Element. Er und die gut und gerne 90 Sänger aus unterschiedlichen Chören probten gerade ein Medley: „Rockin‘ my Soul in the Bosom of Abraham“, „He’s Got the whole World in his Hand“ und „Amen“.

Mehr als nur Routine

Ich spulte zwar meine Routine ab und packte erst einmal an der Seite meine Utensilien – Block, Fotoapparat und mein Mobiltelefon zwecks Filmaufnahmen aus. Das wirkte zwar im ersten Moment ein etwas abwesend, doch innerlich war ich längst in diese Musik mit ihrer tiefgreifenden Spiritualität eingetaucht. Dies hatte wohl viel mit meiner Biografie und meiner ehrenamtlichen Arbeit in der Evangelischen Jugend meiner Kirchengemeinde Vegesack zu tun. Doch das allein war es nicht, immerhin nehme ich für mich in Anspruch, gläubiger Christ zu sein. Wohlgemerkt: Ich bin nicht evangelikal! Vielmehr hat mich die liberale Ausrichtung der Bremischen Evangelischen Kirche der 1970er- und 1980er-Jahre geprägt. Und meine Vegesacker Gemeinde.

Mitsingen „im Geiste“

Auch die beiden Kompositionen „The Power of Prayer“ und „Halte mich“ von Chris Lass berührten mich sehr. Die Lieder wirkten wie ein gutes Glas Milch mit Honig bei Erkältung: Du fühlst dich scheiße, doch das Hausmittel legt sich wie ein sanfter Teppich auf Deine gereizten Bronchien. Mir erging es während des Termins zwar nicht wie einem der Sänger, der nach eigenen Worten „ganz weggetreten“ war, doch es war, wie ich auf Facebook auf die Frage einer guten Freunde schrieb. Sie fragte: „Singst Du mit?“ Ich antwortete: „Im Geiste.“

Abends auf dem Marktplatz

Dann kam der Abend. Die Chöre machten ordentlich Stimmung, die Leute gingen mit. Auch mich berührten die Songs und die Performances der Chöre. Langsam ging die Sonne unter, das Rathaus, der Dom und der Schütting wurden wie üblich illuminiert. Und doch wirkte die ganze Szenerie auf mich anders als sonst: Die Lieder – insbesondere das Medley – berührten mich einmal mehr. Doch dieses Mal war das Gefühl noch intensiver. Mir kamen sogar ein paar Tränen. Einige Leute schauten mich etwas verstört an. Sie wussten, dass ich nicht als Zuschauer, sondern als Chronist vor Ort war. Aber so ist es eben: Journalisten sind auch Menschen. Auch wenn sie in unterschiedlichen Situationen ihren Job machen (müssen).