Im Lokalen ist es ein Thema mit Sprengstoff – diese Erkenntnis setzt sich langsam durch

Gegen Straßenausbaubeiträge regt sich immer öfter Widerstand. Foto: Buschmann

Ein Sommerabend in Bremen. Bremens Bürgermeister Carsten Sieling ist zu Gast bei zwei Ortsvereinen der SPD. Es geht um Themen, die die Menschen in den Orts- und Stadtteilen bewegen: Schulen, Kita-Plätze, Sauberkeit. Die Liste ist durchaus lang. Eher beiläufig wirft eines der SPD-Mitglieder das Thema Straßenausbaubeiträge in die Runde. Sieling schaut auf. Scheinbar hat er das Thema nicht auf dem sprichwörtlichen Schirm. „Wenn wir die Anwohner da jetzt auch noch zur Kasse bitten, haben wir da die Wahl im kommenden Jahr verloren“, sagt der Genosse.

Anwohner müssen zahlen

Eine Wahl verlieren oder zumindest ordentlich Stimmen einbüßen durch Straßensanierung? Jawohl das funktioniert. Das geht so: Lässt die Gemeinde eine kommunale Straße sanieren oder neu bauen, werden die Anwohner in der Regel zur Kasse gebeten. Sie müssen für das Gros der entstandenen Kosten aufkommen. In der Vergangenheit haben sich Städte und Gemeinde meistens 90 Prozent des Geldes auf diese Weise wieder zurückgeholt. Voraussetzung dafür ist die Existenz einer kommunalen Verordnung, einer sogenannten Satzung. Darin ist unter anderem festgelegt, wie hoch die Straßenausbaubeiträge sind. Die Höhe jedes Beitrags wiederum wird nach der Grundstücksgröße berechnet. Da kommen schnell einige tausend Euro zusammen.

Betroffene wehren sich

Jedoch: Gegen diese Art der Finanzierung regt sich immer mehr Widerstand. Die Anwohner empfinden Straßenausbaubeiträge ungerecht. Die Politik reagiert. So hat gerade erst der Rat der Stadt Stade die Straßenausbaubeiträge abgeschafft. Sie macht sich die Wahlmöglichkeit zunutze, die es seit März 2017 in Niedersachsen gibt – „wiederkehrende Beiträge“ heißt das Zauberwort: Statt die direkten Anwohner bezahlen zu lassen, sollen alle von der Sanierung oder dem Neubau einer Straße in die Pflicht genommen werden, die vom Projekt profitieren. Ob die „wiederkehrenden Beiträge“ Bestand haben werden, wird sich in einigen Jahren zeigen. Die Gemeinden sammeln gerade Erfahrungen. Auch damit, Kosten auf die Grundsteuer umzulegen.

Anforderungen fürs Lokale

Straßenausbaubeiträge sind auch für uns Lokaljournalisten ein wichtiges Thema. Damit sind wird nämlich ganz nah an den Menschen. Straßenausbaubeiträge gehen erfahrungsgemäß ziemlich ans Portemonnaie – zumal dann, wenn die Grundstücke richtig groß sind. Doch es nicht nur das, was dieses Thema für unseren Berufsstand so spannend macht. Es gibt nämlich durchaus auch mehrere Sichtweisen: Ist es gerecht, auch die Eigentümer herauszuziehen, die auch in der zweiten Reihe davon profitieren? Und was ist mit den anderen Menschen in der Gemeinde? Wie hoch ist der Verwaltungsaufwand? Wie beeinflusst die Abschaffung der Straßenausbaubeiträge die Finanzbeziehungen zwischen dem Bundesland und seinen Kommunen? Ist die Landeskasse in der Lage, im Sinne des sogenannten Konnexitätsprinzips die entgangenen Einnahmen der Städte und Gemeinden zu ersetzen beziehungsweise auszugleichen?

Vielschichtige Diskussionen

Es sind also vielschichtige Diskussionen, die da auf Menschen, Politik und Verwaltung zukommen. Und es sind komplexe Fragen von uns Lokaljournalisten zu beantworten. Sicherlich wird es nicht reichen, wenn wir in klassischer Art und Weise darstellen, welche Argumente die verschiedenen Seiten in die Runde werfen. Unsere Aufgabe wird es sein, den Menschen – also unseren Lesern bezi

ehungsweise Usern – dieses Thema gedruckt und digital zu vermitteln. Da bleibt das tiefe Einsteigen in diese Materie nicht aus.

Eigene Recherche, gute Ausbildung

Mit geht es genauso. Straßenausbaubeiträge waren auch für mich jüngst ein neues Thema. Bevor ich die eigentliche Recherche für einen in der ROTENBURGER KREISZEITUNG erschienen Artikel starten konnte, hatte ich erst einmal einen ganzen Tag gebraucht um mich mit den Grundzügen des Ganzen vertraut zu machen. Es war eine anspruchsvolle Recherche. In diesem Zusammenhang freue ich mich übrigens immer wieder, dass ich eine so breit aufgestellte Ausbildung im Studiengang Politikwissenschaften der Universität Bremen genießen durfte. Ich konnte also beides, die aktuelle Recherche und mein Wissen zusammenbringen.

Gerade bei solch einem Thema zeigt sich immer wieder: Wer sich im Lokalen bewähren möchte, muss sich im Studium und danach immer wieder auch mit auf den ersten Blick schnöden Themen wie Straßenausbaubeiträgen befassen. Die Komplexivität der Themen, mit denen sich wir Lokaljournalisten und die Vertreter der Politik befassen müssen, nimmt schon fast von Jahr zu Jahr zu. Ohne Fachwissen abseits vom Input der Gemeindeverwaltung funktioniert es gar nicht mehr. Beispiele dafür, wo es sich in erster Linie die Frauen und Männer in den lokalen Gremien zu leicht machen, in dem sie sich auf die ehrlich gesagt sehr schön ausgearbeiteten Vorlagen der Gemeindeverwaltung machen, gibt es leider noch immer viel zu viele. Aber noch ist es nicht zu spät. Denn: Die Parteien bieten ihren Aktivisten viele Fortbildungen an.

Wer im Lokalen (meint) bestimmen zu können

Aus Gründen des Rechts am eigenen Bild ist hier nur der Blumenstrauß zu sehen. Foto: Buschmann

Die Geschichte geht so: Eine Wildeshauser Stiftung lädt zum Medientermin ein. Der Inhalt: Die neue Leiterin einer Kindertagesstätte wird vorgestellt. Eigentlich ist es kein Problem, der Termin kurz. Dabei fängt das Ganze schon für einen Ortsunkundigen komisch an: Wo bitte ist der Eingang? Und warum öffnet keiner die Tür? Von drinnen zeigt eine Erzieherin nach rechts. Dass es heißen soll, oben ist eine Klingel ist nicht jedem verständlich. Also geht es durch den Notausgang in die Kita hinein.

Der Kollege der Konkurrenz ist schon fast durch, wir aber müssen wegen der Verspätung das Foto noch einmal machen. Der Geschäftsführer eben dieser katholischen Einrichtung setzt gerade zur Anweisung für das Motiv an. Doch er muss sich eine Belehrung anhören, dass es der Lokaljournalist ist, der die Richtung bestimmt. Der Geschäftsführer macht (noch) gute Miene zum bösen Spiel, denn vom Lokaljournalisten bekommt er Gegenwind.

Neue Leiterin sträubt sich

Auch die neue Leiterin zickt jetzt ein wenig rum: Nein, in die Sandkiste wolle sie sich nicht setzen. Dann vielleicht auf das Holzpferd? Nein, das finde sie auch blöd. „So etwas machen wir nicht“, plustert sich der Geschäftsführer der katholischen Stiftung auf. Also noch einmal die Belehrung: Der Lokaljournalist ist Herr der Reusen – zumindest in Bezug auf Texte und Fotos. Die Stimmung ist kurz vorm Explodieren, dann der Vorschlag: Okay, wir machen es drinnen mit der simulierten Übergabe des obligatorischen Blumenstraußes. Ende des Termins.

Kleine Provinzfürsten

Mit diesen oder ähnlich gelagerten Geschichten haben gerade Lokaljournalisten immer wieder zu tun: Provinzfürsten, die glauben, das Zepter in der Hand zu halten. Ihnen gegenüber müssen die „Schreiberlinge“, wie sie auch gerne genannt werden, eines zeigen: Haltung. Die kann ganz verschieden aussehen. Die Palette reicht von „Auf Stur schalten“ vor Ort bis zur eleganten Lösung: Wir tun so, als ob wir alles das machen, was der Provinzfürst möchte und planen doch in der Redaktion um. Manchmal ist das Ganze noch mit einem Kommentar verbunden, meistens wird es einfach so gemacht. Manchmal beschweren sich die Provinzfürsten, meistens erfolgt keine Reaktion.

Rückhalt der Redaktion

Wichtig für uns Freie dabei: Wir benötigen den Rückhalt unserer jeweiligen Lokalredaktion. In diesem Fall ist es so, doch es gibt leider auch genug andere Beispiele. Redakteure kuschen vorm Provinzfürsten, weil sie „keinen Stress“ wollen oder weil die Geschäftsleitung sich um eventuell folgende Anzeigenaufträge sorgt. In solch einem Fall hat natürlich der Freie als schwächstes Glied in der Kette verloren.

Wenn Informationen über einen Feuerwehreinsatz kommen, rückt der Feierabend in (weite) Ferne

Wenn ein Zug auf freier Strecke stehenbleibt, ist das ein berichtenswertes Ereignis. Foto: Buschmann

Die Seiten sind fertig und können schon bald belichtet werden. Die interessantesten Geschichten stehen zum Nachlesen auf den Internetseiten – für den geneigten Lokaljournalisten sind dies die besten Anzeichen für den nahenden Feierabend. Doch dann klingelt beim Kollegen das Mobiltelefon. Die Info: Ein ICE ist auf offener Strecke stehengeblieben, weil bei einem Unwetter ein Baum auf die Oberleitung gefallen ist. 450 Fahrgäste sitzen in der Hitze ohne funktionierende Klimaanlage fest. Entsprechend große ist das Aufgebot der Rettungskräfte. Klarer Fall: Feuerwehreinsatz kurz vor Feierabend.

Dieses Ereignis sorgt dafür, dass sich der sicher geglaubte Feierabend um Stunden nach hinten verschiebt. Denn: Zwei Kollegen aus der während der Ferienzeit sowieso schon dünn besetzten Lokalredaktion machen sich auf den Weg zum Ort des Geschehens; ein dritter hält die sprichwörtliche Stellung im Büro. Im Kopf des Kollegen werden die Seiten längst umgeplant. Doch erst einmal heißt es, den Ort des Geschehens überhaupt zu finden. Nach einigem Herumgekurve ist es geschafft.

Sammeln von Informationen

Jetzt teilen wir uns auf: Ich, der nicht wirklich gerne fotografiere, rede mit dem Pressesprecher der Feuerwehr, sammele Eindrücke und versuche, nach einem Hinweis der für diesen Bereich zuständigen Bundespolizei mit den Fahrgästen zu sprechen. Aus diesem Input baue ich später zusammen mit dem Kollegen eine aktuelle Geschichte für die Ausgabe der Zeitung am nächsten Tag. Schon einige Stunden später gibt es die Geschichte bereits online sowie auf Facebook zu lesen.

Geschichten wie diese gehören auch zum Leben des Lokaljournalisten. Es kommt nicht häufig vor, aber es passiert eben. Gerade für uns freie Journalisten sind solche Stories von besonderer Bedeutung. Abgesehen davon, dass sich Ereignisse mit Zügen meistens mehrfach verwerten lassen, müssen wir Journalisten besondere Vorsicht walten lassen. Erstens, weil wir die Einsatzkräfte nicht behindern und die Rettung der Menschen nicht gefährden dürfen.

Eigensicherung ist oberstes Gebot

Zweitens, weil wir auf uns selbst aufpassen müssen – Stichwort Eigensicherung. Wenn wir sogenannten Freien nicht aufpassen, können wir uns schnell durch einen Fehltritt oder Ähnliches verletzen. Wenn wir Glück haben, tut es nur weh. Haben wir aber Pech, müssen wir ins Krankenhaus. Wer in solch einem Fall nicht versichert ist, bekommt ein Problem: Keine Arbeit, kein Umsatz. Ich versuche deshalb, mich so gut wie möglich zu schützen. Dazu gehören ein wacher Blick auf die Umgebung und Sicherheitsschuhe an den Füßen.

Nicole Giese-Kroner, künstlerische Leiterin des Syker Vorwerks, und Mitarbeiterin Claudia Bender, hatten viele Ideen zu „Knutschorten“. Foto: Buschmann

Auf Leute zugehen, anquatschen, Antworten aufschreiben, vielleicht noch ein Foto machen oder machen lassen – das ist das Wesen einer Straßenumfrage. Generationen von Journalisten wurden damit sozialisiert. Vor allem im Lokalen hatten Straßenumfragen ihren festen Platz, waren sie doch ein beliebtes Stilmittel um dem Volk aufs sprichwörtliche Maul zu schauen. Gleichzeitig waren Straßenumfragen ein beliebtes Mittel, sich mit dem Heimatort und der Lokalzeitung zu identifizieren.

Diese Zeiten sind längst vorbei. Dies merkte ich erst vor einigen Wochen, als ich in Rotenburg Menschen zum Thema Frühlingsgefühle befragen wollte. So recht antworten wollten nur wenige. Einigen war es peinlich, andere argumentierten, sie hätten keine Zeit, wieder andere möchten sich einfach nicht in der Zeitung und später online sehen. Und mit Bild schon gar nicht.

Kein Interesse

Nicht nur in Rotenburg war es der Fall, auch in Syke. Zur Erinnerung: Am 6. Juli war Tag des Kusses. Also hatten wir uns in der Redaktion darüber Gedanken gemacht, wie wir das Thema umsetzen. Ich bekam den Auftrag eine kleine Straßenumfrage zum Thema zu machen. „Da werden sicherlich ein paar Leute ‚rumlaufen“, sagte eine Kollegin. Was stellte ich jedoch fest? In der Hauptstraße waren einige Leute unterwegs; doch die meisten hatten schlichtweg kein Interesse, mir zu diesem Thema eine Antwort auf meine Fragen zu geben. Übrigens ging es um „Knutschorte“.

Plan B im Kopf haben

Was also tun? Wer als Journalist heute auf die Straße geht, muss immer einen Plan B im Kopf haben. Meine Strategie lautet: Nicht nur Menschen im öffentlichen Raum befragen. Es ist sinnvoll, auch an anderer Stelle zu fragen. Ich suchte im Rahmen meiner Kusstag-Umfrage beispielsweise die Bürgerinformation des Syker Rathauses aus. Die Damen dort waren zwar gewillt, etwas zu sagen, doch gerade zum Thema Knutschorte, fiel ihnen eher nichts ein. „Ich bin mit meinem Mann schon 28 Jahre zusammen, wir knutschen nicht mehr“, meinte eine der freundlichen Damen lachend.

Glücklicherweise hatte ich einen vorhergehenden Termin im Rahmen des Syker Ferienprogramm im Vorwerk. Die dortige künstlerische Leiterin Nicole Giese-Kroner und ihre Mitarbeiterin Claudia Bender unterhielten sich ganz ungezwungen mit mir über Knutschorte. Das Thema war gerettet.

Das ist klassischer Lokaljournalismus: Vorstellung des neuen Kulturprogramms in Syke. Foto: Buschmann

Ich werde hier und da mal gefragt: „Unterscheidet sich der Journalismus auf dem Land eigentlich von dem in der Stadt?“ Die Antwort von mir kommt hin und wieder zögerlich. Am Ende sage ich meistens: „Im Großen und Ganzen nicht, aber in Nuancen schon.“ Auf dem Land ist noch mehr Verein und Schützenfest. In der Stadt – auch in der kleinen – fallen die Themen schon urbaner aus.

Auf dem Land wie in der Stadt geht es im Laufe des Jahres um Straßenbau und Verkehr, um Migration, um wirtschaftliche Entwicklung, um Bildung und um genug Kitaplätze. Im Gegensatz zur Stadt sind die Menschen allein schon aufgrund der Größe der Ortschaften näher dran am jeweiligen Thema. Da kann es schneller passieren, dass der geneigte Lokaljournalist beim Wochenend-Einkauf oder beim Ausflug mit der Familie auf das eine oder andere Ding angesprochen wird.

Was ich allerdings in den vergangenen Tagen festgestellt habe: Schützenfeste sind gerade in den kleinen Ortschaften das beherrschende Thema. Und wehe, die Presse war nicht vor Ort. Dann folgen die Anrufe der Vereinsvertreter. Denn die Schützenfeste zu besetzen gehört in vielen Bereichen noch immer zum lokaljournalistischen Narrativ. Dabei ist es egal, dass die Abläufe seit Jahrzehnten die gleichen sind.

Ganz anders verhält es sich da mit der Kultur. Dieser Bereich ist in der kleineren (Kreis-) Stadt genauso vertreten wie in der großen Stadt. Das beste Beispiel: Die Stadt Syke stellt ihr neues Kulturprogramm vor. Es ist ein Mix aus bekannten Showgrößen, aus Kabarett, aus Lesungen und so weiter. Was nämlich kaum einer weiß: Die kleinen und mittleren Städte gehören heute zwingend genauso zum Tourneeprogramm von Comedians und Co. wie die Metropolen. Insofern treffen sich Stadt- und Landjournalismus am Ende wieder.

Die Weser soll für größere Schiffe ausgebaggert werden. Foto: Buschmann

Umwelt-Was? Umweltgerechtigkeit! Als mich meine Redakteurin der DEMO vor einigen Wochen bat, mir doch bitte über das Thema Gedanken zu machen, musste ich Grundlagenrecherche betreiben. Ehrlich gesagt: Ich hatte vorher von diesem Begriff gehört noch mich damit befasst. Inzwischen bin ich schlauer. Umweltgerechtigkeit hat das Umweltbundesamt in eine Definition gefasst und lässt sich hier nachlesen.
Themensuche
Das Wissen über Umweltgerechtigkeit heißt indes nicht, dies auch in ein griffiges Thema zu fassen. Ich überlegte hin und her, dann hatte ich es: Was ist eigentlich mit der Weser- und Elbvertiefung? Immerhin sind es in Bremen und Hamburg große Themen. Aber auch in Brake und Hannover, soweit es die Niedersachsen betrifft. Was ist mit den Folgen, die die Menschen entlang beider Flüsse zu tragen haben? Gehen durch die Vertiefungen vielleicht Existenzen kaputt? Müssen sich die Gemeinden an Elbe und Weser auf neue Lagen einstellen?
Meine Redaktion in Berlin gab grünes Licht und ich habe mich an die Recherche machen können – und die hat es in sich. So viel habe ich nach Gesprächen mit Betroffenen und Klägern, mit Umweltschutz-Verbänden und Kommunalpolitikern gelernt: Anstatt sich über eine gemeinsame Hafenstrategie Gedanken zu machen, sollen die beiden Flüsse auf Teufel komm heraus ausgebaggert werden.
Mulmiges Gefühl

Die Folgen für die Menschen an den Ufern treten in den Hintergrund. Was ist, wenn salzhaltigeres Wasser durch die höhere Fließgeschwindigkeit der Weser in die Marsch getragen wird? Was wird aus den Obstanbaugebieten im Alten Land? Was geschieht mit dem Gebiet um den Belumer Außendeich, das kein Vorland hat? Diese Fragen beschäftigen mich bei meiner Recherche und machen irgendwie ein mulmiges Gefühl.
Wie genau es sich damit verhält, ist nach den Sommerferien in der DEMOKRATISCHEN GEMEINDE zu lesen.

Ich konnte an den Brandherd relativ nah herankommen. Foto: Buschmann

Es begab sich aber, dass an einem Sonnabend die Sirene heulte. Schnell waren die Mitglieder der Freiwilligen Feuerwehr zur Stelle und am Einsatzort. Was im ersten Moment wie eine konstruierte Geschichte anmutet, ist Realität. Ich habe es selbst so erlebt. Es war wieder eine dieser Geschichten, die das Journalistenleben schreibt.
Pfingstsonnabend, 19. Mai 2018. Ich bin für das OSTERHOLZER KREISBLATT beim Aufstellen des Pfingstbaums in Garlstedt. Das Runddorf gehört zur Stadt Osterholz-Scharmbeck. Es ist ein netter Abend. Die Besucher genießen das kleine Spektakel zum Aufstellen des Baumes und die anschließende amerikanische Versteigerung. Die 527 Euro, die am Ende zusammenkommen, fließen in die Erhaltung des Alten Kühlhauses. Alle Fakten sind „im Block“, wie wir Journalisten es nennen. Kamera und Schreibmappe sind im Rucksack verstaut – der Feierabend ist nahe.
Doch dann heult die Sirene über dem Gerätehaus der Ortsfeuerwehr auf. Die Mitglieder brauchen zum Teil nur über die Straße laufen, andere kommen mit dem Auto. Keine fünf Minuten nach dem Aufheulen der Sirene rückt das erste Auto aus. „Schau mal, dort hinten steigen Rauchwolken auf“, sagt einer der Besucher. Das verheißt nichts Gutes! Auch ich sehe meinen Feierabend in weitere Ferne rücken.
Ich folge den Einsatzkräften. Jetzt heißt es für mich in mehrfacher Hinsicht Vorsicht walten zu lassen: An erster Stelle muss ich darauf achten, mich nicht selbst in Gefahr zu bringen. Dann darf ich den Einsatz der Feuerwehr nicht behindern. Unter dem Strich bedeutet es für mich, dass ich mich nicht ungehindert an der Einsatzstelle bewegen darf.
Unachtsamkeit kann für mich unangenehme Folgen haben: Sollte ich mich verletzen, hat der Kostenträger – in dem Fall die Verwaltungs-Berufsgenossenschaft – das Recht, meine Behandlungskosten abzulehnen. Aber auch die rechtlichen Konsequenzen sind nicht zu unterschätzen, denn ich bewege mich zwischen Einsatzkräften, die in dem Moment des Einsatzes hoheitsrechtliche Aufgaben wahrnehmen. Dafür kann mir die Polizei zum Beispiel einen Platzverweis aussprechen.
Soweit lasse ich natürlich nicht kommen, im Gegenteil: Ich habe in fast 30 Jahren Lokaljournalismus ausreichend Erfahrung gesammelt, um zu wissen, wie ich mich zu verhalten habe. Außerdem habe ich in 13 Jahren Katastrophenschutz-Tätigkeit auch die sprichwörtliche andere Seite des Tisches kennengelernt.
Entsprechend vorbereitet bin ich auf die Situation: Ich nähere mich mit der Kamera in der Hand dem Brandherd, soweit es mir möglich ist. Ein Feuerwehr-Mann gibt mir ein Zeichen: Bis hierhin und nicht weiter. Ich entferne mich wieder. Ich warte also in gebührendem Abstand, was geschieht und gehe nach einer halben Stunde noch einmal in Richtung Einsatzgeschehen. Ein Polizist kommt auf mich zu und fragt freundlich: „Sind Sie von der Presse?“ Ich bejahe seine Frage. Er möchte meinen Presseausweis sehen. Ich zeige ihn vor. Alles ist in Ordnung.
In diesem Moment kommt der einsatzführende Stadtbrandmeister von Osterholz-Scharmbeck auf mich zu. Er bietet mir an, mich näher an das Geschehen heranzuführen. Über ein benachbartes Grundstück darf ich mich in Begleitung dem Ort des Geschehens nähern. Jetzt sehe ich das ganze Dilemma: Aus einem Gastank schießt einen meterhohe Stichflamme. Ich mache schnell meine Fotos und entferne mich dann zügig.
Ich beschließe jetzt, kurz vor Mitternacht und nach knapp zwei Stunden vor Ort, mich auf den Heimweg zu machen. Zwischendurch habe ich per SMS meine diensthabende Redakteurin informiert. Bereits jetzt weiß ich, dass der folgende Pfingstsonntag anders verlaufen wird als geplant. Zusätzlich zum Lokaltermin – Maimarkt in Osterholz-Scharmbeck – muss ich einen längeren Text über die Einsätze der Feuerwehr schreiben.
Denn an diesem Abend brennt es nicht nur in Garlstedt. Als ich zuhause ankomme, schickt mir meine diensthabende Redakteurin: In Osterholz-Scharmbeck hätten gerade die Sirenen geheult. Ob ich etwas über den Grund wisse. In diesem Moment weiß ich noch von nichts. Erst als ich am Vormittag mit dem ebenfalls bei zwei der Brände anwesenden Kreisbrandmeister telefoniere, wird mir das ganze Ausmaß klar: Im Landkreis Osterholz hat es in der Nacht von Sonnabend auf Pfingstsonntag fünf Mal gebrannt.
Nach Absprache mit meiner diensthabenden Redakteurin schreibe ich deshalb einen längeren Text für die Online-Ausgabe des OSTERHOLZER KREISBLATT. Der Grund: Die Tageszeitung wird erst wieder am Dienstag erscheinen. Die Leser sollen jedoch möglichst aktuell über das Geschehen informiert werden. Am späten Nachmittag ist der Text online mit drei Fotos zu lesen. Meine Kollegin kürzt ihn für die Druckausgabe noch etwas ein. Fotos werden dazu nicht erscheinen – was ich mir allerdings schon gedacht habe, denn das Licht war sehr diffus. Für den Zeitungsdruck sind solche Fotos denkbar ungeeignet.
Inzwischen ist es Pfingstmontag. Erst jetzt komme ich dazu, meinen eigentlichen Haupttext zu schreiben: den über das Setzen des bunten Pfingstbaumes. Dies ist am frühen Vormittag erledigt. Und auch der zweite Termin des ereignisreichen Wochenendes ist abgearbeitet, der Maimarkt. „Welch ein Glück“, denke ich später, „niemand ist zu Schaden gekommen.“ Übrigens sind die Feuerwehrleute alle ehrenamtlich tätig.