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#handwerkshübsch

Über die Umweg-Inspiration eines Hashtags

#handwerkshübsch. Hä? Können Sie sich darunter etwas vorstellen? Ich konnte es bis vor etwa einer Woche jedenfalls nicht – also bis Mitte September 2019. Macht eigentlich nichts, denn genau genommen gibt es diesen Hashtag nicht wesentlich länger. Dafür hat #handwerkshübsch bei mir einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen. #handwerkshübsch hat mich zu einer Lokalgeschichte inspiriert. Die allerdings gilt es in den kommenden Wochen noch zu recherchieren und zu schreiben. Dies ist die Geschichte hinter #handwerkshübsch.

In Zeiten von Social Media sind digitale Netzwerke für uns Journalisten wichtig. Ich für meinen Teil verbringe deshalb einen guten Teil meiner Zeit damit, mich auf Facebook, Instagram und Twitter umzuschauen. Denn dort tummeln sich viele Menschen, die meiner Arbeit vielfältigen Input geben. Auf Facebook und Instagram folge ich unter anderem der Kollegin Anuschka Bačić. Sie ist „seit 2012 als Videojournalistin, Moderatorin und Videogestalterin tätig“, schreibt sie auf ihrer Webseite.

Vize-Freitag“

Die Kollegin präsentiert seit Anfang August jeden Donnerstag auf Facebook einen Videoblog, einen Vlog, den „Vize-Freitag“. Es gibt Geschichten mitten aus dem Leben, aber eben auch Berufliches. Und da Anuschka Bačić derzeit allwöchentlich für die Handwerkskammern der Region unterwegs ist, um Imagefilme über Handwerksbertriebe zu drehen, widmet sie sich eben auch diesem Teil ihrer Arbeit. Logisch!

Wir schreiben mittlerweile Anfang September. Stolz wie Bolle erzählt Anuschka Bačić, was ihr widerfahren ist: Michael Hoffschroer lobt in seinem Post auf www.handwerksmacher.de die Arbeit von Anuschka Bačić. Das macht mich neugierig. Der „Vize-Freitag“ gehört seitdem zum festen Donnerstagabend-Programm.

Es machte „Klick!“

Gestern, am 19. September, machte es „Klick!“: Ich dachte über Themen für den Oktober nach, denn ich bin drei Wochen lang für die Mediengruppe Kreiszeitung unterwegs. Da zu diesem Zeitpunkt in Bremen und Niedersachsen Herbstferien sind, macht es nämlich Sinn, sich schon einmal ein paar Gedanken über Themen zu machen.

#handwerkshübsch und die Vlogs haben mich zu einem Thema geführt: Ich möchte Unternehmen vorstellen, die sich frisch in den sozialen Netzwerken präsentieren. Damit versuchen die vornehmlich mittelständischen Betriebe, dem allgegenwärtigen Nachwuchsmangel zu begegnen. Ein Telefonat mit der Kollegen bringt mich weiter: Anuschka Bačić nennt mir ein paar Firmen, um die ich mich in den kommenden Wochen kümmern werde. So geht Lokaljournalismus auch.

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Dem Verfall preisgegeben

Andreas Bovenschulte soll neuer Bremer Bürgermeister werden und die SPD aus dem Tief führen. Foto: Buschmann

Ein Blick auf den Zustand der SPD im Bund und in Bremen

Wo soll ich diesen Beitrag einsortieren? Erst wollte ich ihn unter Kommunalpolitik zuordnen. Doch dann habe ich mich dafür entschieden, die Rubrik Allgemeines zu nehmen, denn dieser Beitrag hat nicht ausschließlich kommunalpolitische Aspekte. Es geht um ein Thema, das mich seit Wochen umtreibt: um den Zustand der SPD. Wie schlecht es um sie bestellt ist, erlebe ich als Journalist auf allen Ebenen.

In diesem Fall betrifft es mich hingegen nicht nur als Medienmensch, ich bin mit einer erzwungenen Unterbrechung von etwa zwei Jahren seit 1985 Mitglied dieser Partei. Doch hineingewachsen in diesen Organismus bin ich schon von meiner Kindheit an. Mein Vater war Sozialdemokrat, Tanten und Onkel auch. Die Ideen und Werte der mehr als 150 Jahre alten Partei sind praktisch ein Stück meiner DNA mit all ihren guten Ideen, Widersprüchen und Brüchen.

Das Quietschen in der Seele

Was ich verstärkt seit der Bundestagswahl 2017 beobachte, tut mir weh. Oder wie ein alte Freundin einst meinte: „Es tut mir in der Seele quietschen.“ Ich sehe eine Partei, die den Kontakt zu den Menschen verloren hat. Vor allem ihre Kernwählerschaft erreicht sie nicht mehr. Welcher Facharbeiter, welcher Underdog wählt denn heute noch SPD? Die Ergebnisse der vergangenen Urnengänge im Bund, in Bremen und Europa sprechen Bände.

Und dann sehe ich Funktionäre, die viel mehr mit sich selbst beschäftigt sind als alles andere. Den Zustand hat beim letzten Bremer Landesparteitag am 6. Juli ein Mitglied gut beschrieben: „Wir gucken in den Abgrund.“ Ich gehe noch ein Stück weiter und bemühe das pathologische Bild: Die Sozialdemokratische Partei Deutschlands ist dem Verfall preisgegeben. Politikwissenschaftler sprechen längst davon, dass sie auf dem Weg zur Splitterpartei ist. Wie das aussieht, lässt sich sehr gut an den Umfragewerten in Sachsen ablesen. Dort ist die SPD längst einstellig. Die Vorstellung, dass sich die Partei in Wohlgefallen auflöst, tut mir innerlich weh.

Ursachen!?

Dass sich die SPD in den vergangenen Jahren nach unten gerockt hat, hat vielfältige Ursachen. Es geht um das Personal, um fehlende Antworten auf aktuelle gesellschaftliche, soziale und ökonomische Fragen und letztlich um die Unfähigkeit, die eigenen Inhalte zu vermitteln.

Januar 2017: Der damalige Parteivorsitzende Sigmar Gabriel kündigt an, nicht für die SPD als Kanzlerkandidat ins Rennen zu gehen. Stattdessen zaubert er Martin Schulz, den damaligen Präsidenten des Europäischen Parlaments, aus dem Hut. Der soll das Kanzleramt von der CDU erobern. Obwohl das Verfahren aus meiner Sicht alles andere als konform mit der Parteisatzung ist, wird Martin Schulz nicht nur Kanzlerkandidat, sondern auch Parteivorsitzender – mit 100-prozentiger Zustimmung der Bundesparteitags-Delegierten.

Der „Schulz-Zug“, wie es die Kommunikationsstrategen nennen, nimmt Fahrt auf, wird jedoch von der eigenen Führungsriege brutal ausgebremst. Von Hannelore Kraft zum Beispiel. Sie ist zu diesem Zeitpunkt noch Ministerpräsidentin von Nordrhein-Westfalen. Martin Schulz, so weiß man heute, solle sich aus ihrem Wahlkampf mal schön heraushalten, gab sie ihm auf. Das Ergebnis ist bekannt: Frau Kraft verlor die Wahl krachend und hat sich danach aus der Politik zurückgezogen.

Doppelte Nulllösung Nahles

Aber das ist nicht der einzige Fehler der SPD-Führungsriege. Martin Schulz verliert am Ende die Bundestagswahl und wirft nach einem Jahr als Vorsitzender das Handtuch. Dann kommt Andrea Nahles. Sie war in der Großen Koalition von 2013 bis 2017 zwar eine Bundesarbeitsministerin mit einer glücklichen Hand, doch als Parteivorsitzende und Chefin der SPD-Bundestagsfraktion ist sie ein Totalausfall. Eine doppelte Nulllösung sozusagen. Ihre Gesangeinlagen im Bundestag und ihr Auftritt beim Wahlkampffinale für Bremen und Europa sind inzwischen legendär.

Nicht viel besser sieht es personell in Bremen aus. Carsten Sieling ist ein Bürgermeister, der im Großen und Ganzen einen guten Job gemacht hat. Er hat Ahnung und ist empathisch. Versammlungen mit ihm sind sogar richtig lustig. Doch die Außendarstellung ist grottenschlecht. Die Schuld liegt nicht beim Ex-Bürgermeister, sondern bei den für die Kommunikation zuständigen Menschen im Rathaus und der SPD-Landesorganisation.

Stummer Landesvorstand

Die Partei wird laut Satzung von einem Landesvorstand geführt. Doch de facto ist es der Landesgeschäftsführer, der allem Anschein nach schalten und walten kann wie er möchte. Niemand, weder die aktuelle Landesvorsitzende Sascha Karolin Aulepp, noch die zuständige Schatzmeisterin noch sonst irgendjemand scheinen gewillt, ihm auf die Finger zu schauen. Und politisch ist der Landesvorstand letztlich nichts weiter als der verlängerte Arm von Rathaus und Fraktion. Eigene Akzente setzt diese Führungsriege schon lange nicht mehr. Diese Apathie zieht sich durch bis in die Ortsvereine. Mobilisierung und den Menschen in den Quartieren zugewandte Aktivitäten gibt es fast nicht.

Das Narrativ der sozialen Gerechtigkeit

Wohl 80 Prozent der Zuhörer, die die SPD erreichen möchte, schalten inzwischen auf Durchzug, wenn es wieder einmal darum geht, soziale Gerechtigkeit zu schaffen. Dieses Narrativ haben die Führungsfiguren in Bund und Land ausgetreten. Es ist ausgelutscht! Ein anderes Thema, nein, das gibt es nicht. Martin Schulz hat es mit seiner Forderung nach Respekt versucht und ist grandios gescheitert. Dabei liegen die anderen Fragen der Zeit praktisch vor den Füßen der Sozialdemokratie: Digitalisierung, die Stadt der Zukunft, demografischer Wandel, Veränderungen der Konfliktlinien in der Politik. Die Liste ließe sich endlos fortsetzen. Dass sich die Menschen bei den größtenteils akademisch geführten Diskussionen nicht mehr abgeholt fühlen, ist da kein Wunder. Eben jenes muss geschehen, damit die die Tante SPD wieder auf die Füße kommt.

Aber es sind nicht nur die Themen, mit denen sich die Partei schwer tut. Es ist auch die Vermittlung ihrer Inhalte. Das beste Beispiel für den Griff ins Klo ist die Kampagne der Bremer SPD zur Bürgerschaftswahl. „Wir lieben Bremen“ ist aus kommunikationstechnischer Sichtweise so aussagekräftig wie ein trockenes Stück Brot mit ranziger Butter darauf. Eine Kollegin brachte es vor einiger Zeit auf den Punkt: Der SPD-Claim erinnere sie an Edeka. Dort heißt es „Wir lieben Lebensmittel“. Das blasse Blau der Kampagne erinnert mich zudem an eine Slipeinlage – oder an den Himmel, in den die Partei bald aufsteigt, wenn sie tot ist.

Es gibt Hoffnung

Wie geht es weiter? Ich blicke dabei auf eine Zeile der polnischen Nationalhymne. „Noch ist Polen nicht verloren“, heißt es dort. Analog zum Zustand der deutschen Sozialdemokratie muss es also heißen: „Noch ist die SPD nicht verloren.“ Um sich selbst wieder Leben einzuhauchen, sollte sich die Partei zuerst auf ihre alten Stärken besinnen. Das ist das Kommunale. Nicht umsonst holen SPD Kandidaten selbst in CDU-dominierten Regionen bei Kommunalwahlen Bürgermeisterposten und Ratsmehrheiten.

Bremens designierter Bürgermeister Andreas Bovenschulte hat es beim Landesparteitag auf den Punkt gebracht: „Die letzten fünf Jahre als Bürgermeister in Weyhe waren noch einmal eine richtige Lehrzeit. Ich war jeden Tag nah dran: Was ist das Problem, wie kann die Lösung aussehen?“ Dazu gehöre es aber auch, dass die Sozialdemokratie im Lokalen verankert sei: in Vereinen, Gewerkschaften, Elternvertretungen, Stadtteilen und Quartieren. Für die SPD sei es an der Zeit, das Vertrauen der Menschen vor Ort zurück zu gewinnen.

Wenn das geschehen ist, muss ein neues Parteiprogramm her – mit Antworten für die Zukunft. Die ist etwas komplexer als das ausgelatschte Narrativ der sozialen Gerechtigkeit. Übrigens wird es der CDU genauso ergehen wie der SPD.

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Eine Recherche zum Thema Pflege

Dienst am Menschen – das ist der traditionelle Begriff von „Pflege“ – in der Alten- genauso wie in der häuslichen und Krankenhauspflege. Die Wissenschaft hat längst neue Standards definiert, doch dieses Weltbild ist längst noch nicht in allen Bereichen angekommen. Ausbeutung, Mobbing, unregelmäßige Dienstpläne und ausgebrannte Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sind heute noch an der Tagesordnung.

Die Bundesregierung übertrifft sich derweil selbst mit einer Pflegeoffensive nach der anderen. Aber was kommt unten an? Wie ist die Lage in den Einrichtungen? Dies möchte ich durch meine Recherche für die ROTENBURGER KREISZEITUNG herausfinden. Ich bin auf der Suche nach Menschen, die offen oder anonym über ihren Alltag sprechen möchten. Es geht um gute Beispiele genauso wie schlechte.

Wer mit mir sprechen möchte, darf mich anschreiben: unter der E-Mail-Adresse recherche@ulf-buschmann.de oder über die Messengerdienst Telegram und Signal. Natürlich sind auch Anrufe, Briefe oder ein Fax möglich. Die Nummern finden sich im Impressum.

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Denkt doch mal groß!

Wenn sich Ressorts in der Kommunalpolitik nicht abstimmen – Eine Polemik über Bremen-Vegesack

Das Vegesacker Bad muss dringend saniert oder neu gebaut werden. Foto: Buschmann

Der Bremer Stadtteil Vegesack – eigentlich ist es hier ganz schön. Gleichwohl gibt es eine Reihe von Problemlagen. Sie zu lösen ist Aufgabe von Politik und Verwaltung. Deren Akteure jedoch lassen leider allzu oft den Blick fürs Große und Ganze vermissen. Bestes Beispiel dafür ist die Diskussion darüber, ob das Freizeitbad Fritz Piaskowski neu gebaut werden soll oder ob es eine umfangreiche Sanierung tut. Gleich nebenan tut sich das nächste Problem auf: Der ehemalige Sportplatz hinterm Bad soll eine Kita bekommen und die angrenzende Sporthalle Ist so marode, dass auch sie neu gebaut werden müsste – bis auf die Fassade, denn die steht unter Denkmalschutz. Achja: Ein Neubau der Grundschule Fährer Flur muss auch noch her!

Gemengelage

Soweit die Gemengelage. In der öffentlichen Diskussion hingegen spielen die Kita und die marode Sporthalle zumindest so gut wie keine Rolle. Kein Wunder, denn hier hängen zwei Ressorts zusammen, die sich allem Anschein nach nicht wirklich abstimmen zu scheinen: Einerseits das Sportressort mit den Bremer Bädern, das sich um Halle und Schwimmbad sorgen sollte. Zuständige Senatorin: Anja Stahmann (Grüne). Um die neue Kita in Verbindung mit der Grundschule Fährer Flur kümmert sich Claudia Bogedan (SPD). Sie ist Senatorin für Kinder und Bildung. Und mittendrin sozusagen als Scharnier: die städtische Grundstücksverwaltung Immobilien Bremen (IB). Ein Eigenbetrieb.

Denkgrenzen

Die öffentliche, sich in den lokalen Medien niederschlagende Diskussion läuft so: Sozial- und Sportressort mit Bremer Bädern denken darüber nach, wie die Zukunft des Bades aussehen könnte. Aussagen über die Halle gibt es nicht. Ähnlich läuft es aus der Richtung des Kinder- und Bildungsressorts: Was wird aus der Schule, wie soll die Kita mit Krippe aussehen? Von dort richtet sich der Blick ebenso wenig nach links und rechts. Immobilien Bremen lässt noch durchblicken, dass sie zumindest für das Hallenproblem keine (Planungs-) Kapazitäten haben. Und dass eigentlich alle Beteiligten kein Geld haben, ist eh schon klar.

Ausweg in Sicht!?

Ausweg? Nicht in Sicht. Dabei liegt zumindest ein Teil der Lösung förmlich auf der Straße. Oder sollte es. Die könnte etwa so aussehen: Die Beteiligten setzen sich an einen Tisch und planen gemeinsam eine Art von Quartierszentrum. Da gibt es eine neue, moderne Sporthalle, ein modernes Schwimmbad und gleich dabei Kitas und Schule. Hinzu kommen Bewegungsräume, Büros, Sozialräume und so weiter. Eben alles das, was für solche ein Zentrum notwendig ist.

Vorteile für alle

Das alles hat übrigens einen konkreten Hintergrund: Solch ein Projekt kann und darf auf keinen Fall ohne die Vereine vor Ort geplant werden. Sie müssen bei der Planung und Konzeption beteiligt werden. Damit lassen die sprichwörtlichen mehreren Fliegen mit einer Klappe schlagen: Kita, Krippe und Schule könnten ihre Kinder zur Bewegung animieren und die Vereine haben endlich die Möglichkeit, zeitgemäße Angebote zu machen.

Natürlich sind noch viele Fragen offen, die geklärt werden müssen. Dabei geht‘s darum zu schauen was möglich ist – und nicht gleich zu sagen, was nicht geht.

Die Halle an der Fritz-Wildung-Straße ist längst marode. Auch hier gilt: Ein Neubau muss her. Foto: Buschmann

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Erste Leichen

Der Überfall auf zwei Angestellt der Volksbank Bremen-Nord ist fast 25 Jahre her. Foto: Buschmann

Als 1994 zwei Volksbank-Mitarbeiter Opfer eines brutalen Überfalls werden, bin ich vor Ort

Im April 1994 wurden zwei Mitarbeiter der Volksbank Bremen-Nord Opfer eines brutalen Banküberfalls. Knapp 25 Jahre später rekonstruiert der Norddeutsche Rundfunk (NDR) die Geschehnisse. DIE NORDDEUTSCHE berichtet über die Dreharbeiten in Bremen-Lesum. Das weckt bei mir Erinnerungen – eine Rekonstruktion.

Es ist Freitagnachmittag, der 7. April 1994. Ich arbeite in der Bremen-Nord-Redaktion des WESER-KURIER. Ich bin kein Redakteur, sondern freier Mitarbeiter. Meine Artikel für die Ausgabe am Sonnabend sind fertig, ich bin schon dabei, meine Sachen zusammenzupacken. Ich freue mich aufs Wochenende, denn enge Freunde werden am nächsten Tag in der St. Martini-Kirche in Bremen-Lesum heiraten.

Gegen 15.30 Uhr ist es mit der Freude aufs Wochenende und die Hochzeitsfeier vorbei. Ein Anruf aus der damaligen Redaktion Lokales/Landespolitik rüttelt die Redaktion wach: Auf die Geschäftsstelle der Volksbank Bremen-Nord an der Hindenburgstraße/Ecke Lesmonastraße habe es einen Überfall gegeben. Zwei Mitarbeiter seien getötet worden. Einer müsse von dort für die Sonnabend-Ausgabe des WESER-KURIER berichten. Ich erkläre mich bereit hinzufahren. Die Kollegen halten die Stellung.

Bankangestellte hingerichtet

Als ich am Ort des Geschehens ankomme, ist der Auflauf groß. Sämtliche damals in der Stadt vertretenen Medien sind da. Ich informiere mich zuerst bei der Polizei und dem Bankvorstand über das Geschehen. Demnach war ein Mann kurz vor Schließung der Geschäftsstelle um 14.30 Uhr von hinten in die Räume eingedrungen. Anschließend erschoss er die beiden Bankangestellten. Sie seien mit aufgesetzten Kopfschüssen regelrecht hingerichtet worden, erinnere ich mich an die Stellungnahme der Polizei.

Die Umstände der Tat lassen niemanden kalt – weder die Kollegen noch mich. Und noch weniger die Beteiligten. Die beiden anwesenden Volksbank-Vorstände sind den Tränen nahe. Auch dem damals zuständige Einsatzleiter der Polizei, der damals Leiter des Abschnitts Bremen-Nord ist, steht das Entsetzen ins Gesicht geschrieben. „Ich bin seit 25 Jahren Polizist, aber so etwas habe ich noch nicht erlebt“, sagt er. Ähnlich ergeht es den beteiligten Kräften des Roten Kreuzes, die ich durch meine ehrenamtliche Arbeit als Führungskraft dort persönlich kenne. „Da war nichts zu machen“, flüstert mir einer der Rettungsassistenten ins Ohr.

Eine Blutlache

Während wir Medienmenschen auf neue Informationen warten, kann ich ein Blick ins Innere der Geschäftsstelle erhaschen. Männer in weißen Overalls sichern Spuren. Sie bewegen sich vorsichtig. Von den Leichen ist zu diesem Zeitpunkt zumindest von außen nichts zu sehen. Ob sie bereits abtransportiert sind, weiß ich nicht. Was ich aber sehe, ist eine riesige Blutlache. Mich schaudert es. Mehr aktuelle Informationen gibt es vor Ort nicht. Ich fahre zurück in die Redaktion.

Als ich in die Tür komme, kommt mir einer der Kollegen gerade entgegen. Die komplette Mannschaft ist dort geblieben. Ich berichte aus Lesum. Je mehr ich erzähle, desto bleicher wird der eine Kollege. Das Geschehen jetzt ins Redaktionssystem zu schreiben, erweist sich als echte Herausforderung. Zum Glück muss ich einer Kollegin im Pressehaus nur zuliefern. Ich halte kurz inne und schreibe meine Zeilen in gut 30 Minuten runter. Als ich fertig bin, schicken mich meine Nordbremer Kollegen nach Hause.

Meine erste PTBS

Als ich dort ankomme, bahnt sich der innerliche Stress seine Bahn. Habe ich in der Redaktion ein paar Tränen weggedrückt, so muss ich jetzt heulen. Aus heutiger Sicht ist es wohl die erste Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS), die ich da gerade durchmache. Ich verzichte aufs Abendessen und schlafen kann ich in der folgenden Nacht auch nicht richtig. Ähnlich geht es der Kollegin aus dem Pressehaus, mit der ich an diesem Tag zusammenarbeite. Sie hat auch Wochenenddienst.

Zum Glück geht es mir im Laufe des Tages wieder besser, sodass die Hochzeit meiner Freunde auch für mich ein schönes Ereignis wird. Was für mich an diesem Sonnabend indes etwas komisch ist: Die St. Martini-Kirche liegt nur etwa 400 Meter Luftlinie von der Geschäftsstelle der Volksband entfernt.

Fassungslose Bankangestellte

Was sich in der Woche darauf in den Geschäftsstellen der Volksbank abspielt, ist für mich auch heute noch unbegreiflich. In der Hauptstelle an der Vegesacker Gerhard-Rohlfs-Straße spricht niemand. Alle Mitarbeiter sind geschockt. Wer es nicht unbedingt muss, vermeidet den Kundenkontakt, um nicht reden zu müssen.

Eine gute Bekannte, die ebenfalls in der Volksbank-Hauptstelle arbeitet, ist an diesem Montag gar nicht zu gebrauchen. Wir treffen uns gelegentlich zum Mittagessen. Dabei geht es sonst recht lustig zu. Doch an diesem Tag bekommt sie kein Wort raus. Ständig muss sie weinen. Daran ändert sich auch in den darauffolgenden Tagen nichts. Die Volksbank Bremen-Nord bucht im WESER-KURIER großformatige Todesanzeigen. Und am Tag der Trauerfeier sind alle Geschäftsstellen geschlossen.

Noch lange ist diese Tat Gesprächsthema in Bremen-Nord. Doch irgendwann entschwinden die Ereignisse aus dem öffentlichen Bewusstsein. Erst jetzt rekonstruiert der NDR das Ganze. Und die Geschäftsstelle der Volksbank wird nie wieder eröffnet werden.

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Eine andere Normalität

Lokaltermine bei Selbsthilfegruppen zeigen, wie Menschen mit Handicap und ihre Angehörigen den Alltag meistern

Es gibt Termine für uns Lokaljournalisten, die sind eben Termine. Wie sie hundertfach im Berufsalltag vorkommen. Eine Ausschusssitzung, eine Zusammenkunft eines Bremer Stadtteilbeirates oder etwas Offizielles wie die Grundsteinlegung für ein Einkaufszentrum. Sie sind redaktionelle Routine. Und dann sind da die Lokaltermine, die einen bleibenden Eindruck hinterlassen. Dazu zählen die Besuche von Selbsthilfegruppen. Sie bringen Menschen zusammen, deren Alltag anders ist als der der meisten anderen Zeitgenossen.

Lokaltermine bei Selbsthilfegruppen sind etwas Besonderes – auch für Bildjournalisten. Foto: Buschmann

An diesem Nachmittag steht ein Treffen mit der Selbsthilfegruppe Down-Syndrom im Landkreis Osterholz auf dem Programm. Leider sind nur zwei Kinder und drei Erwachsene ins Haus der Lebenshilfe an der Bahnhofstraße in Osterholz-Scharmbeck gekommen. Aber egal, auch wenige Menschen können mir als interessiertem Lokaljournalisten Einblick in ihren Alltag geben.

Zweifacher Eindruck

Es ist eine andere Normalität für diese Menschen. Sie und ihre Angehörigen stellen sich darauf ein. Es ist eine (Lebens-) Leistung, die mich schon nach kurzer Zeit zweifach beeindruckt – weil sich die werdenden Eltern für das werdende Kind entschieden haben und weil sie trotz eines kleinen Menschen mit Einschränkungen ihren Alltag organisieren. Von Traurigkeit ist nichts zu spüren, im Gegenteil: Die Stimmung ist gut, es wird viel gelacht. Eine der beiden Mütter bringt das Leben mit ihrer inzwischen siebenjährigen Tochter auf den Punkt: „Sie ist ein Geschenk.“

Die beiden Mädchen sind quirlig. Zuerst spielen sie mit den vielen Tennisbällen, dann fliegen die Kissen durch die Gegend durch die Gegend und schließlich stehen Brettspiele und Legosteine im Mittelpunkt ihres Tuns. Es sind eben Kinder, nur mit dem Down-Syndrom. Offiziell heißt diese Krankheit, eine Genommutation Trisomie 21. Genaue Erklärungen gibt es auf der Internetseite des Deutschen Down-Syndrom Infocenters.

Alles unter einem Hut

Dass diese Diagnose für die werdenden Eltern logischerweise ein Schock ist, daraus machen die beiden Mütter keinen Hehl. Natürlich sei es schwer gewesen, doch inzwischen sei es für die Familien eben Alltag. So viel Alltag, dass Mama, Papa und die Geschwister gar nicht mehr daran denken, dass eines der Kinder mit Einschränkungen leben muss. Was mich an diesem Nachmittag ebenfalls beeindruckt: In die sprichwörtliche Watte werden die Kinder nicht gepackt und die Mütter versuchen, Beruf und Familie unter einen Hut zu bringen.

Eine Mutter fängt demnächst wieder als Aushilfe in ihrem Beruf als Krankenschwester im Kreiskrankenhaus zu arbeiten, die eine bewirbt sich. Beide Frauen haben den Anspruch, ihrem alten und neuen Arbeitgeber, verlässliche Mitarbeiter zu sein. Auch das gehört zur etwas von der Norm abweichenden Normalität dieser Familien. Hut ab vor ihnen.

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Das Dach über dem Kopf

In den Städten fehlen Wohnungen. Da sind neue Ideen gefragt. Foto: Buschmann

Wohnraum: Städte und Gemeinden müssen über andere Wege nachdenken

Bezahlbare Wohnungen: Dieses Thema wird uns in den kommenden Jahren noch ganz doll beschäftigen. Denn einerseits gibt es schlichtweg nicht genug Wohnungen, andererseits bauen Investoren allem Anschein nach am liebsten Hochpreisiges, mit dem sich am besten Geld verdienen lässt. Darüber berichte ich immer wieder als Lokaljournalist. Mal geht es um Jahresbilanzen, mal um spezielle Programme, mal auch um Menschen, seit Wochen auf der Suche sind. Kurz: Zu sagen gibt es für uns Journalisten immer etwas.

Es tut sich etwas

Zumal sich nach 20 Jahren Turbokapitalismus auf dem Wohnungsmarkt immerhin etwas Bewegung geraten ist: Bremen hat sich die „BreBau“ zurückgeholt und in Berlin wird immer lauter über eine Enteignung der „Deutsche Wohnen“ nachgedacht. Das alles ist der Tatsache geschuldet, dass es nicht nur in den Großstädten wahrscheinlicher ist obdachlos zu werden. Auch Klein- und Mittelstädte haben mit einem jeweils leergefegten Markt zu kämpfen. Sofern sie im Einzugsbereich der Metropolen liegen.

Ob Rückkauf oder Enteignung: Am Ende soll der Staat wieder mehr Einfluss auf den Wohnungsmarkt nehmen können. Immerhin hat sich gezeigt: Kosmetik wie die Mietpreisbremse bringt für die Familie mit ein, zwei oder gar mehr Kindern gar nichts. Im Gegenteil, viele der Wohnungsbaugesellschaften sind so plietsch, dass sie die Mitpreisbremse mit einigen zum Teil simplen Tricks umgehen.

Sozialer Wohnungsbau

Dass sich etwas tut ist schön und gut. Aber das reicht längst nicht aus, wie ich durch meine verschiedenen Recherchen gerade in den vergangenen zwei bis drei Jahren immer wieder festgestellt habe. Der überall fehlende Wohnraum birgt insbesondere in den Städten so viel sozialen Sprengstoff, dass der Staat hier gefordert ist. Bund, Länder und Kommunen müssen regulierend eingreifen.

Aus der marktradikalen Ecke bekommt jetzt sicherlich der eine oder andere Mensch spontan Durchfall. Regulierung, nein, das geht ja gar nicht! Das bedroht unseren Wohlstand! Ich halte dagegen: Stimmt nicht! Erst die Einführung des sozialen Wohnungsbaus hat zumindest in der alten Bundesrepublik mit dazu beigetragen, dass Menschen nicht noch mehrere Jahrzehnte in Baracken hausen mussten.

Neue Ideen

Sozialer Wohnungsbau ist nach meiner Überzeugung auch heute wieder das Gebot – nicht nur der Stunde, sondern der kommenden Jahre. Doch im Gegensatz zu den vergangenen Dekaden, in denen es darum ging, Masse statt Klasse zu produzieren beziehungsweise zu bauen, sind neue Ideen und Querdenken gefragt. Ebenfalls nicht von schlechten Eltern ist das Besinnen auf Lösungen, die nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bei der Linderung der ärgsten Wohnungsnot halfen.

In den Kaisenhäusern fanden viele Menschen nach dem Krieg ein neues Zuhause. Foto: Kulturhaus Walle

Der Kaisen-Erlass

Neue Ideen, Querdenken und bewährte Lösungen: Dies alles subsumiert sich für mich in den alten Kaisenhäusern. Zur Erinnerung: Weil mehr als 60 Prozent der Wohnungen Bremens nach dem Ende des Krieges 1945 zerstört war, gab es einen Erlass des langjährigen Bürgermeisters Wilhelm Kaisen (SPD): Das Wohnen in den Kleingartenanlagen wird vorübergehend geduldet. „Dieser Erlass wurde schon 1949 wieder aufgehoben, wirkt aber bis heute nach“, schreibt das Bremer Bauressort auf seiner Internetseite.

In den folgenden Jahren folgten immer neue Stichtage, bis zu denen die Häuser geräumt sein mussten. In den 2000er-Jahren machte die Stadtgemeinde Bremen ernst und ließ eine Reihe von Familien zwangsräumen. Viele stehen aber auch noch in den Kleingartenanlagen und verfallen. Mit diesem Problem müssen sich viele der hiesigen Kleingartenvereine herumschlagen. Hintergrund dessen ist die Vorgabe des Bundeskleingartengesetzes: Es verbietet dauerhaftes Wohnen in den Kleingärten.

Baurecht neu schaffen

Warum einfach, wenn’s auch umständlich geht? Dieser Spruch fällt mir ein, wenn ich an die oftmals darbenden Kleingartenanlagen einerseits und fehlenden Wohnraum andererseits denke. Anders ausgedrückt: Warum können das Baurecht und das Bundeskleingartengesetz nicht so angepasst werden, dass zumindest zu einem Teil das Wohnen in den Kleingärten möglich ist? Warum wehren sich Baupolitiker quer durch alle Parteien dagegen, es zumindest zu versuchen?

Dies gehört für mich zu unkonventionellen Überlegungen um die Ecke beziehungsweise über den Tellerrand hinaus. Zu bedenken ist natürlich, dass sich a) die Ansprüche der Menschen geändert haben und b) die Infrastrukturen in den Kleingartengebieten verändert werden müssen. Stichworte sind hier beispielsweise die Erreichbarkeit, die Abwasserentsorgung und in der heutigen Zeit die Versorgung mit Internetanschlüssen.

Andere Ideen

Kleingartengebiete zu nutzen ist nur eine der unkonventionellen Wege, die es sich lohnt zu beschreiten. Einen anderen möglichen Pfad zeigt unter anderem die Gemeinde Weyhe auf: Dort schreibt die Satzung eine Sozialquote von 20 Prozent für Neubauten vor. Ebenso tritt die Gemeinde als Zwischenerwerber auf: Weyhe kauft eines oder mehrere Grundstücke und veräußert es ganz oder teilweise zu günstigen Konditionen, um Menschen mit schmalerem Geldbeuteln den Traum vom eigenen Dach über dem Kopf zu ermöglichen. Weitere Ideen sind bei den Menschen erwünscht. Ob sie dann allerdings auch umgesetzt werden, muss sich zeigen.

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Heute, im Osten

Die Bilanz einer Erkundungsreise im Ostenn – von Leuna über Guben und Ueckermünde bis Usedom

Der Zustand vieler Kreisstraßen ist eines der kommunalen Reizthemen Usedoms. Fotos: Buschmann

Der Osten – auch fast 30 Jahre nach dem Fall der Mauer und der Implosion der DDR ist er vielen Menschen noch immer fremd. Drei Jahrzehnte – so mein Gefühl – sind die wenigsten Menschen aus der „alten“ Bundesrepublik in Frankfurt an der Oder, in Guben oder in Ueckermünde gewesen. Geschweige denn, dass ein Großteil der Menschen weiß, wo diese Orte überhaupt liegen.

Ich habe mir die Zeit vor Weihnachten 2018 genommen und bin auf Entdeckungsreise gegangen. Ich wollte wissen: Was denken Menschen in Brandenburg? Wie stehen eigentlich die Kirchen da? Was macht eigentlich die vielfach totgesagte alte Tante SPD? Und wie gestaltet sich das Leben diesseits und jenseits der Grenze?

Durchwachsene Bilanz

Meine Bilanz fällt durchwachsen aus. Doch das Positive überwiegt. Zunächst: Die oftmals totgesagte Zivilgesellschaft im östlichen Landesteil Deutschlands existiert doch noch. Nur wird sie eben insbesondere im Westen nicht so wahrgenommen, wie sie es eigentlich verdient hat. Die Menschen, die sich bürgerschaftlich engagieren, sind das, was in der Wirtschaft die „hidden champions“ sind: Erfolgreich in ihrem Feld, doch von der breiten Öffentlichkeit nicht wirklich wahrgenommen.

Über die Kirchbauvereine

Ein Beispiel dafür sind für mich die Kirchbauvereine, die nach der friedlichen Revolution in der ehemaligen DDR beziehungsweise im jetzt größeren Deutschland entstanden. In einem Landstrich, der durch das totalitäre SED-Regime seiner kirchlichen und religiösen Wurzeln nahezu beraubt wurde, kümmern sich engagierte Menschen darum, dass die Kirchengemeinden zwar nicht mehr wachsen. Aber die Kirchen bleiben im Dorf – im wahrsten Sinne des Wortes. Denn: Kirchbauvereine sind dazu da, die Kirchen wenigstens als (kulturelle) Treffpunkte zu erhalten.

Alltag entlang der Grenze

In meinem Beitrag vom 15. Dezember habe ich bereits beschrieben, wie der Alltag diesseits und jenseits der deutsch-polnischen Grenze organisiert werden kann – der Raum Guben/Gubin ist dafür ein Labor. Gleiches gilt für das Zusammenleben beziehungsweise Zusammenwachsen der Menschen in Frankfurt (Oder) und Slubice. Es war für einen Menschen wie mich ohne derartige Grenzerfahrung faszinierend zu sehen, wie selbstverständlich das alles abläuft.

Polnischer Zuwachs

Doch es gibt auch viele Regionen, die nahezu entvölkert sind. Wer im südlichen Vorpommern über die Dörfer fährt, der wird schnell feststellen: Dort wirkt vieles nach wie vor wie aus der Zeit gefallen. Aufschwung Ost? Der ist da nicht angekommen – oder nur in sehr bescheidenem Maße. Drolligerweise bekommen diese Orte so etwas wie neues Leben eingehaucht. Denn: Viele Polen entdecken notgedrungen die deutschen Nachbarn, wo es billigen Baugrund gibt.

Wo noch vor zehn Jahren die Einöde der Postwende-Zeit vorherrschte, blühen die Dörfer wieder auf. Beispiel Penkun: Die 1000-Einwohner-Stadt bekommt so doll Zuwachs, dass etwa die lutherische Kirchengemeinde in ihrem Mitteilungsblatt eine polnischsprachige Seite herausgibt. Das ist eigentlich eher ein Service für die Erwachsenen. „Die Kinder gehen in unsere Schulen und lernen schnell Deutsch“, sagt Bernhard Riedel, Pastor der Kirchengemeinde.

Wenig Gemeinsamkeiten

Leider habe ich feststellen müssen, dass es nicht überall so gut läuft. In Vorpommern zum Beispiel. Dort scheint es auch nach einer Generation nicht gelungen zu sein, aus dem Grenzraum von Usedom im Westen und Swinemünde im Osten etwas Gemeinsames zu entwickeln. Im Gegenteil, die Menschen fühlen sich noch immer abhängt. Das Aufbegehren und die öffentliche Diskussion über unterschiedliche Themen sind meinem Eindruck nach eher unterentwickelt. Und von den Löhnen brauchen wir gar nicht sprechen.

AfD-Land

Die Menschen fühlen sich – wie in vielen Regionen – von der „großen“ Politik nicht mehr vertreten. Die Konsequenz: Der Nordosten ist AfD-Land. Ralph Weber hat bei der Landtagswahl im vergangenen Jahr mit rund 20 Prozent den Wahlkreis gewonnen. Die anderen Parteien sind abserviert. Interessanterweise scheint aber nur die SPD im Kommunalen etwas zu tun. So greift der Ortsverein Usedom regelmäßig die Themen auf, die den Menschen irgendwie unter den Nägeln brennen. Es geht um den Zustand der Straßen, um mangelnde Mitbestimmung bei einer der größten Rehakliniken, um die Wiederaufnahme des Bahnverkehrs von Berlin nach Usedom und vieles mehr. Das alles habe ich bereits aufgeschrieben.

Günther Jikelli ist Vorsitzender der Usedomer SPD. Er und seine Geniossen machen sich für eine Zugverbindung von Berlin auf den Inselsüden bis Heringsdorf stark.

Gemeinsamer Nenner

Was mir während meiner knapp zweiwöchigen Reise aufgefallen ist: Die engagierten Menschen in den Parteien und der Zivilgesellschaft verbindet der Umstand, dass sie ihre Arbeit eigenständig organisieren. Die Landesregierungen sind weit weg. Hintergrund dieser Einstellung: Die Menschen fühlen sich durchweg nicht oder nur mangelhaft vertreten. Da muss wohl noch etwas geschehen.

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Das Labor

An der zerstörten Haupt- und Stadtkirche findet seit elf Jahren ein kleiner Weihnachtsmarkt statt. Fotos: Buschmann

Guben: Im deutsch-polnischen Grenzland gibt es immer eine Mischung aus Kommunal-, Landes- und Europapolitik

Guben – diese Stadt gleich an der polnischen Grenze kenne ich vor allem aus den 1990er-Jahren. Als Durchsage im Verkehrsfunk: „Und dann noch Guben. Beim Grenzübertritt nach Polen gibt es zurzeit mindestens zwei Stunden Wartezeit.“ Immerhin: Ich als in der alten Bundesrepublik sozialisierter Mensch hatte wenigstens schon einmal von diesem Ort gehört.

Nun also führt mich meine Recherche- und Reportagereise in die Niederlausitz; beziehungsweise hierher, denn ich bin längst da und erkunde für mehrere Auftraggeber das Leben der Menschen hier im Grenzland. Mein Fazit nach dem ersten Tag: Der Alltag ist anders. Sich diesseits und jenseits der Grenze zu bewegen, das ist Realität. Im Grunde genommen ist die Grenze längst verschwunden.

Eine stinknormale Stadt in Brandenburg

Guben ist auf den ersten Blick eine Stadt im Bundesland Brandenburg, die auch mehr als eine Generation nach dem Beitritt der einstigen DDR zum Geltungsbereich des Grundgesetzes mit den sozialen und wirtschaftlichen Folgen zu kämpfen hat. Guben hatte vor der DDR-Wende rund 38.000 Einwohner. Heute sind es noch etwas mehr als 17.000. Mehr als 10.000 Arbeitsplätze gingen verloren, als die großen Industriekombinate zusammenbrachen, weil die früheren Absatzmärkte in den Staaten des Ostblocks zusammengebrochen waren.

Hinzu kam, dass Guben nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs seines Hinterlandes beraubt wurde. Die USA, Großbritannien und die Sowjetunion hatten Europa und die Einflusssphären neu aufgeteilt. Polen wurde nach Westen verschoben – das östliche Brandenburg, Pommern und Schlesien gehörten nun zu Polen, das durch die Abtretung seiner östlichen Gebiete an die Sowjetunion nach Westen verschoben wurde. Die neue Grenze verlief entlang der Oder und der Lausitzer Neiße. Guben erging es wie Frankfurt (Oder): Die östlichen Teile der Stadt gehören seit 1945 zu Polen und heißen Gubin beziehungsweise Slubice.

Das Zentrum verloren

Guben traf es besonders heftig, weil die Stadt nicht nur seinen östlichen Teil verlor. Das jetzt polnische Gubin war das eigentliche Guben. Jenseits der großen Neißebrücke befanden sich das Zentrum mit der im April 1945 vollständig zerstörten Stadt- und Hauptkirche und dem Rathaus. Das heutige Guben war – historisch gesehen – die sogenannte Klostervorstadt. Meine über 80 Jahre alte Pensionswirtin sagt es so: „Wir mussten uns ja was ganz Neues schaffen.“ Auch ein neues Stadtzentrum musste nach 1945 her.

Diese politische, wirtschaftliche, soziale und geografische Amputation an Haupt und Gliedern entpuppt sich heute als große Chance für die Stadt, wenn nicht gar als Segen. Aber das mag vielleicht etwas zu hoch gegriffen sein. Denn: Polen gehört wie Deutschland seit dem Jahr 2004 zum Schengenraum. Damit entfallen im Prinzip die Kontrollen an den Binnengrenzen. Welche ein Segen diese Errungenschaft der europäischen Einigung ist, habe ich bereits mehrfach erlebt: zwischen den Niederlanden und Deutschland, auf dem Weg nach Belgien und Frankreich und bei meinen Reisen durch das Baltikum.

Günter Quiel kennt die Probleme diesseits und jenseits der Grenze.

Der Schengenraum als Segen

Aber auch bei meinen Besuchen in Danzig. Aber so hautnah wie hier in Guben durfte ich es bislang noch nicht erleben. Menschen kommen von Gubin herüber nach Guben und umgekehrt. Polen kaufen im Neiße-Center bei Rewe oder Rossmann ein, Deutsche erledigen ihre Besorgungen auf der jenseitigen Seite des Flusses in Gubin.

Was mich gerade am Sonnabend vor dem 3. Advent berührt hat, war der kleine Weihnachtsmarkt an der Ruine der Stadt- und Hauptkirche. Zu ihm lädt der Förderverein zum Wiederaufbau des Gotteshauses ein. Der Weihnachtsmarkt gehört zu einem größeren Projekt. Günter Quiel, Vorsitzender des Fördervereins, sagt: „Deutsche und Polen bringen uns gegenseitig unsere Traditionen näher. Weihnachtsmärkte wie bei uns kennt man in Polen außer in den größeren Städten nicht.“

Deutsche und Polen nebeneinander

Zur Eröffnung stehen Polen und Deutsche gleichermaßen auf der Bühne: Bartłomiej Bartczak, Bürgermeister von Gubin, neben ihm sein Gubener Amtskollege Fred Mahro (CDU). Auch Mitglieder der beiden Stadträte sind dabei. Spätestens jetzt wird klar: Guben ist politisch gesehen etwas Besonderes. Hier in der Niederlausitz überschneiden sich Kommunal-, Landes- und Europapolitik immer wieder. Menschen im Gubener Stadtrat und in den hiesigen Parteien wissen das, habe ich den Eindruck.

Um sich entwickeln zu können, muss sich die Stadt auch über die Grenze hinweg orientieren. Guben muss den Schluss mit Gubin suchen. Denn die Probleme links und rechts des Flusses sind die vielfach die gleichen. Guben kann ein Labor einer europäischen Stadt sein, in der Menschen mehrerer Nationalitäten friedlich miteinander Leben. Nicht mehr das Europa der Nationalstaaten zählt, sondern das der Regionen. Dies geschieht über weite Strecken bereits – siehe Förderverein und Weihnachtsmark. Insofern sind die Niederlausitzer de facto längst weiter als es die Politik in Brüssel oder Berlin ist.

Rechtliche Hürden

Die ehemalige Haupt- und Stadtkirche steht symbolisch für den gemeinsamen Weg von Deutschen und Polen: Beide Seiten bemühen sich um einen Wiederaufbau.

Die juristische Lage indes lässt es in mancherlei Hinsicht noch nicht zu. Günter Quiel macht es an einem Beispiel deutlich: Das Krankenhaus in Gubin sei geschlossen worden, während das örtliche Naemi-Wilke-Stift mit seiner auf 42.000 Einwohner ausgelegten Kapazität viel zu groß sei. „Warum“, fragt sich Günter Quiel, „können die Polen unser Krankenhaus nicht mit nutzen? Warum sind die Krankenkassen nicht in der Lage, länderübergreifend abzurechnen?“ Auch in anderen Bereichen blockieren unterschiedliche nationale Vorschriften die kommunale Entwicklung. Wer also etwas in Guben bewegen möchte, muss sich zwangsläufig in den Fallstricken des deutschen, polnischen und nicht zuletzt des europäischen Rechts auskennen.

Übrigens scheint dieses politische Dreigestirn nicht nur für Guben zu gelten, sondern für alle Kommunen entlang der deutsch-polnischen Grenze. Was also tun, um etwas zum Positiven zu drehen? Ein erster Schritt sollte vielleicht ein Informationsaustausch aller deutschen und polnischen Abgeordneten des Europäischen Parlaments sein. Dieser könnte jährlich stattfinden; besser noch alle sechs Monate. Übrigens: Ska Keller, Spitzenkandidaten der Grünen zur Europawahl, kommt aus Guben.

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Die Kirche im Dorf

Kirchen sind nach wie vor ortsbildprägend. Aber viele stehen vor einer ungewissen Zukunft. Foto: Buschmann

Kirchen und Friedhöfe stehen vor einer ungewissen Zukunft – aber es gibt Ideen

Sie gehören zu jedem Ortsbild: Kirchen, Gemeindezentren und Friedhöfe. Und sie sind noch immer Gegenstand der Lokalberichterstattung – wenn auch nicht mehr in dem Maße wie früher. Auch die Art der Berichterstattung hat sich verändert. Heute werden kirchlich-religiöse Veranstaltungen – Konzerte, Vorträge und Co. – nicht mehr automatisch breit in lokalen Medien wiedergegeben. Dafür stehen Inhalte im Mittelpunkt. Dies heißt auch für die Lokalkollegen zu recherchieren. Sie bohren Themen, die auf den ersten Blick nur für eine kleine Schar Menschen interessant sind, für die breite Öffentlichkeit auf.

Viele Themen

Davon gibt es derzeit genug, die Palette ist nahezu unüberschaubar: Finanzen, Gemeindezusammenschlüsse, die Kirchen als Träger sozialer Einrichtungen wie Kindertagesstätten, die Friedhöfe und so weiter. Was Menschen auffällt, die nicht allzu viel mit dem Gemeindeleben zu tun haben: Die Zukunft der Friedhöfe und der Kirchengebäude steht auf dem Spiel. Die beiden Hauptgründe: Immer mehr Menschen entscheiden sich für ein günstigeres Urnenbegräbnis als für ein klassisches Grab und die Erlöse aus der Kirchensteuer gehen zurück. Kurz: Die Kirchengemeinden leiden zumindest auf der Ebene der Landeskirchen seit Jahren unter einem finanziellen Aderlass.

Bürgerschaftliches Engagement

Die hat auf lange Sicht Auswirkungen – nicht nur auf die Kirchengemeinden, sondern auch auf die Entwicklung der jeweiligen politischen Gemeinde. Die Lokalmedien berichten über entweihte und teilweise verkaufte Kirchen, über die Aufgabe von unrentablen Friedhöfen und die Folgen.

Sie berichten aber auch über bürgerschaftliches Engagement von Menschen, die eigentlich mit Religion und noch weniger mit der Institution Kirche etwas am sprichwörtlichen Hut haben. Ihr Ziel ist es, die Kirche im wahrsten Sinne des Wortes im Dorf zu lassen. Vor allem im Osten Deutschland, etwa im Bereich der Evangelischen Kirche Mitteldeutschland, entstehen sogenannte Kirchbau-Fördervereine. Eines der bekannteren Beispiele ist der Freundeskreis Horburger Madonna. Diese Vereine bringen Leben in die sprichwörtliche Bude.

Medien greifen Themen auf

Die Erkenntnis, die auch die lokalen Medien landauf und landab gewinnen: Friedhöfe mit anderem Leben zu erfüllen, ist erheblich einfacher als Kirchengebäude in die Zukunft zu überführen. Dabei gilt es eigentlich, beides zu erhalten. Denn: Friedhöfe und Kirchen sind nicht nur Orte des Betens und der Trauer. Friedhöfe und Kirchengebäude erzählen auch die Geschichte eines Ortes. Sie sind auf lokaler Ebene identitätsstiftend.

Das schlägt sich auch in zunehmendem Maße in den lokalen Medien nieder. Die Kolleginnen und Kollegen fragen sich: Was wird aus diesen Orten? Friedhöfe etwa werden ein Teil der Stadtökologie. Die Gemeinden ermöglichen es zum Beispiel, dass Imker auf den leeren Grabstellen ihre Bienenstöcke betreiben können. Oder sie organisieren ihre Areale den Anforderungen des 21. Jahrhunderts entsprechen um – wo einst Grabflächen waren, entstehen anonyme oder halbanonyme Urnenfelder.

Neue Ideen für die Kirchen

Und dort, wo es keine Kirchenbau-Fördervereine gibt, versuchen die Verantwortlichen, die Gotteshäuser anders zu nutzen: als Jugendkirchen und als Kulturkirchen. Andere Bauten bekommen einen ganz neuen Zweck. Beispiel Rostock: In der Nikolaikirche gibt es bereits seit der 1980er-Jahren 20 Wohnungen.

Allerdings: In der Breite sind dies nur Ideen, die einem Tropfen auf den heißen Stein gleichen. Viele Kirchengebäude stehen schon jetzt oder in den kommenden Jahren vor einer ungewissen Zukunft. Kein Wunder, ist doch ihr Unterhalt in jeder Hinsicht ziemlich teuer: Die Heizkosten sind hoch und immer wieder müssen Handwerker sowie bisweilen Restauratoren Hand an die Gotteshäuser legen.